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Donnerstag, 30. März 2017

Über das soziale Lesen

Der Leser, das gesellige Wesen? 


Es gibt die verschiedensten Definitionen für den Begriff "sozial", und im Zeitalter der sozialen Medien hat sich die Bandbreite der möglichen Bedeutungen noch einmal gravierend erweitert. Worum es mir in diesem Artikel geht, ist "sozial" im Sinne von Vernetzung, Austausch, Kommunikation innerhalb einer Gemeinschaft - nämlich der der Lesenden.

Eigentlich sollte man meinen, dass Lesen nicht unbedingt ein Hobby ist, das die genannten Dinge fördert, denn im Grunde sitzt doch jeder alleine vor seinem Buch. Aber tatsächlich ist der Mensch nun mal ein soziales Wesen, das immer Mittel und Wege findet, auch die noch so einsamste Beschäftigung in die Gruppe zu tragen, der er sich zugehörig fühlt.

In jenem dunklen, barbarischen Zeitalter, das junge Lesende nur noch aus Erzählungen kennen - nämlich die Zeit vor Internet und Smartphone - war man gezwungen, zu drastischen Mitteln zu greifen, sofern man nicht mit lesenden Verwandten oder Freunden gesegnet war: man musste das Haus verlassen oder andere Menschen zu sich nachhause einladen. Das nannte sich dann "Lesekränzchen", und zumeist bestanden diese aus gebildeten Damen, die bei einer Tasse Tee oder bewaffnet mit Stricknadeln (oder beides) über erbauliche Lektüre plauderten.

Auch heutzutage gibt es natürlich noch Lesekränzchen, die aber meist die altmodische Bezeichnung abgelegt haben und sich stattdessen "Lesezirkel" oder "Lesekreis" nennen.


Was das antike und das moderne Lesekränzchen gemeinsam haben, sind in meinen Augen diese Dinge:


  1. Kommunikation, Vernetzung und Austausch sind auf wenige Personen begrenzt. Das Lesekränzchen ist sozusagen ein kleiner Teich, in den die Teilnehmer kleine Steinchen werfen: die Wellen schwappen nicht über auf andere Teiche oder gar den Ozean. 
  2. Sie haben daher keinen nennenswerten Marktwert, da kaum Werbewirksamkeit besteht. 
  3. Sie machen trotzdem Spaß und erweitern den Horizont. 
  4. Man lernt die anderen Teilnehmer gut kennen und es entwickeln sich vielleicht sogar echte, langjährige Freundschaften.

Der moderne Leser hat über die sozialen Medien unzählige zusätzliche Möglichkeiten, sich mit anderen Lesenden auszutauschen. Und inzwischen beschränkt sich das nicht mehr nur auf Facebook, Twitter, InstagramPinterest und Co., sondern es gibt eine ganze Reihe an Angeboten in Form von Communities und Portalen speziell nur für Leseratten. 

Was Liest Du?LovelybooksGoodreadsbooklikeswhatchaReadin und Büchertreff sind Beispiele für allgemeine, nicht verlagsgebundene Communities. Dort kann man nach Herzenslust über Bücher reden oder an Leserunden und Aktionen teilnehmen, die dann aber zum Teil wiederum von Verlagen gesponsert werden. 

Inzwischen haben mehrere Verlage ihre eigenen Portale und Communities eingerichtet, wie die Lesejury von Bastei Lübbe, oder nutzen bestehende Portale, wie der Fischer Leseclub auf Lovelybooks


Was diese modernen Methoden des sozialen Lesens gemeinsam haben:


  1. Kommunikation, Vernetzung und Austausch sind grenzenlos. Der Wirkkreis ist kein kleiner Teich mehr, sondern ein Weltmeer, in dem jede Welle die nächste anstößt. 
  2. Der Marktwert ist daher nicht zu unterschätzen. Eine Rezension kann tausende von Lesern erreichen, die das Buch dann wiederum weiterempfehlen und andere Leser erreichen, die das Buch dann wiederum weiter empfehlen... Aufgrund dessen nutzen Verlage das "Social Reading" zunehmend als Marketinginstrument. (Dazu wird es in Zukunft ein eigenes Lesegelaber geben, das würde hier zu weit führen.) 
  3. Es kann sehr lohnend sein, aber durch die schiere Masse und die scheinbare Anonymität ist das "Social Reading" anfällig für die Plagen der grenzenlosen Kommunikation: unnötiges Drama, narzisstische Selbstdarstellung und Konkurrenzkampf
  4. Auch über die sozialen Medien können sich gute Freundschaften entwickeln, aber die Mehrheit der anderen Leser, mit denen man so Kontakt hat, lernt man nur sehr oberflächlich kennen. 

Für mich ist die schöne neue Welt des grenzenlosen Social Reading daher ein zweischneidiges Schwert. 


Das Drama versuche ich, so weit es geht, einfach zu ignorieren, denn das klassische Internetdrama ist ohnehin vollkommen immun gegen Schlichtungsversuche und sachliche Argumentation.

Auf den Konkurrenzkampf muss ich mich ebenfalls nicht zwingend einlassen. Ich gucke gar nicht mehr, ob ich jetzt mehr oder weniger Follower und Seitenaufrufe habe als andere Blogger - mir ist viel wichtiger, dass ich selber zufrieden bin mit meinem Blogbeiträgen und immer versuche, mich dabei weiterzuentwickeln.

Was mich aber wirklich wurmt: 
Ich liebe es, mich rund um die Uhr mit Menschen aus aller Welt über Bücher austauschen zu können, aber ich habe den Eindruck, dass das Soziale am "Social Reading" manchmal verloren geht. Denn wo früher das Lesen und der Austausch über das Lesen Selbstzweck waren, legen sich heute andere Bedeutungsschichten und Motivationen darüber.

Wann ist Kommunikation wirklich Kommunikation? Kommunikation ist  ein Geben und Nehmen, ein ständiges Hin und Her aus Aussage und Reaktion. Aber bei den verschiedenen Leseaktionen, bei denen die Teilnehmer dazu aufgefordert werden, auch auf die Beiträge anderer Teilnehmer einzugehen, sieht es immer wieder eher so aus:

Teilnehmer A postet etwas.
Teilnehmer B schreibt als Antwort: "Cooler Beitrag  - hier ist mein Blog: Link!"
Teilnahmer C folgt dem Link und antwortet auf den Beitrag von Teilnehmer B: "Ist nicht mein Genre. Schau doch mal bei mir vorbei: Link!"

Und so kann das eine ganze Weile weitergehen. Aus dem Hin und Her ist eine Einbahnstraße geworden, auf der jeder stur geradeaus brettert, ohne mal nach links oder rechts zu schauen. Dummerweise ist Lesen und Bloggen aber kein Wettrennen, was hat man also damit gewonnen? Mehr Klicks? Mehr Leser, mit denen man dann auch keinen echten Austausch pflegt?

Wann ist Vernetzung also eigentlich nur verkappte Selbstpromotion? Können wir uns wirklich auf echten Austausch einlassen, oder suchen wir nur noch nach Bestätigung der eigenen Meinung?

Natürlich war das jetzt etwas überspitzt, und es gibt immer noch viele schöne und durchdachte Kommentare! Aber eine Zeitlang sah es so aus, als würde der Trend immer mehr in diese Richtung gehen.

Aber in letzter Zeit sieht man glücklicherweise zunehmend Gegenbewegungen zu dieser Verödung der Kommunikation. wie zum Beispiel die Stöberrunde der lieben Aleshanee vom Blog Weltenwanderer, das #litnetzwerk (interessanterweise eine geschlossene FB-Gruppe, Teilnahme erst nach Beitritt!) oder immer mal wieder Kommentier- und Vernetzungswochenenden auf Blogs und sozialen Medien.  

Seit ein paar Wochen gibt es bei mir die Aktion Kreuzfahrt durch das Meer der Buchblogs, die ausschließlich dazu dient, die Beiträge anderer Blogs zu besuchen, kommentieren und verlinken. Bisher waren die Reaktionen darauf durchweg positiv - ich habe das Gefühl, auch andere vermissen den echten Austausch, den man früher im guten alten Lesekränzchen hatte.
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Bisherige Beiträge in der Rubrik 'Lesegelaber':
Über den Hype
Über das Belesensein
Über das Abbrechen
Über die Schande
Über die Trennung
Über den Unhaul
Alles Liebe,