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Montag, 6. Februar 2017

Über die Trennung

Die Trennung? Die Trennung von was? 


Nein, es geht hier nicht um das Aussortieren von Büchern (obwohl das schon auf meiner Themenliste für zukünftige Beiträge steht). Auch das in Frauenromanen so beliebte Thema Scheidung und Neuanfang steht nicht zur Debatte, und von Mülltrennung spreche ich schon mal gar nicht.

Worum es hier geht, ist die Frage: Inwieweit kann, soll oder muss ich als Leserin den Autor von seinem Werk trennen?


Das muss ich wohl noch ein bisschen aufdröseln, um zu verdeutlichen, was ich eigentlich meine.

Zugegeben, ich befasse mich gar nicht unbedingt näher mit dem Autor oder der Autorin, wenn ich ein Buch lese. Das kommt meist erst dann, wenn ich das Buch besonders gut oder besonders schlecht fand, oder wenn darin außergewöhnliche oder heikle Themen angesprochen wurden. Aber Buchblogger und Vielleser haben sowas wie die literarische Buschtrommel: es werden fleißig Meinungen und Informationen ausgetauscht, und wenn ein Autor in irgendeiner Form umstritten ist oder sich einfach blöd verhalten hat, kommt das unvermeidlich früher oder später hier an. Und damit auch die Diskussion: Darf man den jetzt noch lesen?!

Wer das liest, ist doof?


Mir ist es tatsächlich schon mehr als einmal passiert. Eigentlich will ich ein Buch unbedingt lesen, denn es klingt einfach sooooo gut - aber dann stellt sich der Autor als wahnsinniger Axtmörder heraus. 

(Ok, das natürlich nicht. Wollte nur mal prüfen, ob ihr noch aufpasst!)

...aber dann erfahre ich etwas über den Autor, wonach ich es vor mir selber nicht mehr vertreten kann, weitere seiner Bücher zu kaufen oder zu lesen. Und damit sind wir beim kann, soll, muss angekommen, kleinen Inseln irgendwo im trügerischen Moor der Meinungsfreiheit. Denn was für mich nicht mehr vertretbar ist, sieht ein anderer Leser vielleicht schon ganz anders. 

Muss ich 100%ig mit den Meinungen eines Autors oder einer Autorin übereinstimmen? Nein, absolut nicht. Salopp gesprochen: mich interessiert nicht, ob er/sie Bad Boys gut findet, Harry lieber mit Hermine verheiratet hätte oder die Socken vor dem Waschen auf links dreht. Das sind Kleinigkeiten, die für mich keine Rolle spielen. 

Kann ich locker ignorieren. Soll und muss ich meines Erachtens sogar, denn ich bin Leserin - nicht Mitglied der Gedankenpolizei. (Big Reader is watching you?) 

Wo liegen also die Grenzen? 


Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben kann, ohne Autoren und Autorinnen namentlich zu erwähnen. Da ist die Gefahr immer groß, ganz aus Versehen eine Schlammschlacht zu starten, was nicht meine Absicht ist! Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass meine Argumentation ohne konkrete Beispiele zu schwammig und nichtssagend bleibt.

Ich denke im Besonderen an die Krimi-Autorin Anne Perry, die im zarten Alter von 15 Jahren (damals hieß sie noch Juliet Hulme) gemeinsam mit ihrer besten Freundin Pauline einen vorsätzlichen Mord beging. Die beiden Mädchen erschlugen Paulines Mutter mit einem Ziegelstein und entgingen nur dank ihres jungen Alters der Todesstrafe. 

Aber das ist über 60 Jahre her. Anne Perry war damals ein halbes Kind, hat ihre Zeit abgesessen und seitdem kein Verbrechen mehr begangen. Wenn ich ihre Bücher kaufe, heiße ich damit, zumindest in meinen Augen, den Mord nicht rückwirkend gut und ich bestärke sie auch nicht darin, weitere Morde zu begehen. 

Jetzt kann man sich über das soll und muss sicher schon streiten, aber ich kann es für mich ethisch und moralisch vertreten. (Wobei ich darüber durchaus länger nachdenken musste!)

Die Grenzen liegen hier... 


[ Achtung, Achtung - persönliche Meinung voraus! Mistgabeln, rohe Eier und faule Tomaten bitte an der Tür abgeben und immer im Hinterkopf behalten: ich spreche hier von Richtlinien, die ich für mich an mein persönliches Lese- und Kaufverhalten anlege, und bin mir vollauf bewusst, dass es unmöglich ist, allgemein gültige Regeln aufzustellen. Ich verurteile niemanden, der für sich beschließt, Autor und Werk komplett zu trennen. ]

Im Fall von Anne Perry geht es um etwas, was lange her ist und was sie auch bereut und gebüßt hat. Schwierig wird es für mich, wenn es um Verhalten geht, das immer noch andauert oder von dem sich der Autor nie glaubhaft distanziert hat.

Wie schon gesagt, ich möchte mitnichten zur Hetzjagd aufrufen, aber hier sind zwei Beispiele, die zeigen sollen, wo meine persönlichen Grenzen verlaufen. Dabei möchte ich auch direkt ansprechen, dass die Problematik für mich zwiegespalten ist:

1.) Wenn ich ein Buch eines Autors kaufe, der etwas in meinen Augen nicht Vertretbares getan hat, dann sehe ich das als indirekte finanzielle Unterstützung, da der Autor Tantiemen oder Honorar vom Verlag bezieht.

Einmal rede ich von Orson Scott Card, dem Autor von "Enders Spiel", der immer wieder durch aggressiv homophobe Äußerungen für negative Schlagzeilen sorgte und vor ein paar Jahren ironischerweise forderte, man solle diesen Äußerungen doch bitteschön mehr Toleranz entgegenbringen.

Kurz und knapp: ich will einem Menschen, der Intoleranz predigt, keinen Cent meines Geldes geben, und daher werde ich seine Bücher niemals lesen.

2.) Wenn ich das Buch wissentlich gekauft habe, in vollem Bewusstsein dessen, was der Autor getan hat, kommt es mir vor, als würde ich es stillschweigend dulden.

Zweitens rede ich von Marion Zimmer Bradley, die von ihrer eigenen Tochter (und später von zwei weiteren ihrer Kinder) beschuldigt wurde, sie und andere Mädchen auf sadistische Art und Weise sexuell missbraucht zu haben. Die Autorin selber gab zu Lebzeiten nur zu, dass ihr bekannt war, dass ihr Ehemann Kinder missbrauchte, sie ihn aber dennoch nicht anzeigte.

Die Autorin ist tot und ich würde sie mit dem Kauf ihrer Bücher nicht mehr finanziell unterstützen. Aber ich kann ihre Bücher dennoch nicht mehr lesen, weil es mir nicht gelingen würde, sie unvorhereingenommen zu betrachten.

Tja, ich bin euch die abschließende Antwort noch schuldig geblieben. Kann, soll, muss...?


Eigentlich lässt sich die Frage wohl gar nicht allgemeingültig beantworten und es muss jeder für sich selbst entscheiden. Und schwieriger als die Frage nach dem kann, soll, muss ist ohnehin die Frage nach dem darf, die ich gar nicht erst angesprochen habe, weil wir uns damit endgültig auf dünnes Eis begeben würden.

Würde ich mir anmaßen wollen, anderen Lesern zu sagen: ihr dürft Bücher von Marion Zimmer Bradley oder Scott Orson Card nicht mehr lesen? Nein. Auf gar keinen Fall. Von da wäre es in meinen Augen nur noch ein kleiner Schritt zu Bücherverbrennungen. Dieser Artikel ist als Denkanstoß gedacht, nicht als Streitschrift.

Wenn ich jetzt nachdenke und nochmal über das, was ich geschrieben habe, drüber lese, würde ich die Frage für mich ganz persönlich so beantworten:

Ich kann, soll und muss ein Buch wunderbar von seinem Autor trennen, wenn es nur um dessen persönliche Eigenheiten, Marotten und Meinungen geht. Aber wenn es um etwas geht, das meinen ethischen Grundprinzipien widerspricht, kann ich das nicht, will ich das nicht und muss es auch nicht.

Alles Liebe,