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Donnerstag, 14. Dezember 2017

[ Rezension ] "QualityLand" von Marc-Uwe Kling


Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag für eine ehrliche Rezension zur Verfügung gestellt.


| Handlung |

"Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles läuft rund - Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller? Marc-Uwe Kling hat die Verheißungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verblüffenden Zukunftssatire verdichtet, die lange nachwirkt. "
(Klappentext)

| Meine Meinung |

"QualityLand" erinnert mich stark an die Bücher des zu früh verstorbenen Schriftstellers Douglas Adams, der vor allem durch "Per Anhalter durch die Galaxis" (seine Trilogie in fünf Bänden) bekannt wurde.

Schon nach wenigen Seiten beschlich mich ein Gefühl der literarischen Heimkehr – da war sie wieder, diese besondere Mischung, die ich mit dem Tod von Adams für unwiderruflich verloren hielt: ein Konglomerat aus skurrilem Humor, absurden Wendungen und Charakteren, die so gnadenlos übersteigert werden, dass sie schon wieder authentisch wirken. Aber vor allem ist es diese Gesellschaftskritik, die mit der brachialen Subtilität einer schwerhörigen Marschkapelle daherkommt – doch wenn die Ohren dann aufhören, zu klingeln, bleibt als Nachhall der Klang der Wahrheit zurück.

Denn das können sie beide, Adams und Kling. Sie haben ein unfehlbares Gespür für die Essenz der Dinge, legen den Finger treffsicher genau in die Wunde – egal, ob es jetzt um menschliche Schwächen oder gesellschaftliche Entwicklungen geht... Das ist zum Schreien komisch (wann man den Humor mag) und gleichzeitig überfällt einen hier und dort das ungute Gefühl, dass man lieber noch ein bisschen den Kopf in den Sand stecken würde.

Mein Eindruck ist, dass diese Ähnlichkeit zumindest zum Teil beabsichtigt ist, denn das ein oder andere erschien mir wie eine bewusste Hommage Klings an seinen verstorbenen Kollegen!

Der Autor zeichnet in "QualityLand" das Bild einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in der jeder Mensch gläsern ist – und das niemanden mehr stört. Das Netz weiß alles über dich, und das wird dir noch als superpraktisch verkauft: du brauchst über nichts mehr nachdenken, ist das nicht schön?

"Ok? Ok." 

Alles, was du tust, wird vollautomatisch von Algorithmen gesteuert. QualityPartner vermittelt dir den besten Lebensgefährten, den du dir bei deinem Einkommen und deinem gesellschaftlichen Rang leisten kannst.  Du brauchst nicht mehr einkaufen gehen, denn TheShop weiß besser als du, was du willst, und schickt es dir per Drohne nachhause. Die Nachrichten zeigen dir nur, was mit deiner Sicht der Welt übereinstimmt – Fake News sind durchaus gewollt, solange sie dich glücklich und leicht steuerbar machen. Die Gesellschaft verdummt, weil jeder nur noch in seiner kleinen Blase lebt, wo ihm niemand widerspricht und ihn nichts mehr herausfordert. Sogar Filme und Bücher werden bis zur kompletten Sinnentstellung an den Konsumenten angepasst:

»In der Schule«, sagt er, »hatte ich mal eine Freundin, in deren Version von Game of Thrones keine einzige Figur gestorben ist. Die haben immer nur eine Sinnkrise bekommen und sind ausgewandert, oder so.«

Und das wäre wohl immer so weitergegangen, hätte Peter Arbeitsloser von TheShop nicht einen pinken Delfin-Vibrator zugeschickt bekommen... Die Revolution kommt manchmal aus unerwarteten Ecken.

"Das System sagt, ich will das. Aber ich will das nicht." 

Das ist originell. Das ist spannend. Das ist unlogisch und überzogen und gleichzeitig auf beunruhigende Art und Weise glaubhaft

Die Geschichte dreht sich vor allem um Peter Arbeitsloser, der so weit abgerutscht ist in seiner Wertung, dass er als nutzlos gilt. Auf den ersten Seiten erschien er mir noch ziemlich flach und vorhersehbar, doch dann findet man etwas über ihn heraus, das alles ändert – denn Peter hält sich stillschweigend nicht an die Regeln... Und das führt dazu, dass sich eine unwahrscheinliche Gruppe von schrägen Gestalten aufmacht, das System zu zwingen, einen Fehler zuzugeben.

Peter funktioniert als Charakter perfekt, weil er als Rädchen der Maschine nicht funktioniert und man sich daher mit ihm identifizieren kann. Er zeigt uns, wo die Reise hingehen könnte, wenn wir nicht umdenken, und warum wir da wirklich nicht hinwollen.

Wie schon erwähnt, den Humor muss man mögen. (Oder auch nicht. Aber es wäre definitiv besser, ihn zu mögen, wenn man dem Buch wirklich eine Chance geben möchte.) Auch den Schreibstil kann man meines Erachtens schwer davon trennen. Ich fand ihn großartig – bissig, sarkastisch, flott geschrieben –, aber der Humor zieht sich so durchgehend durch alle Passagen, dass er Lesern, die mit dem Humor nichts anfangen können, wohl nur wenig Freude bereitet.

Deswegen ist "QualityLand" ein Buch, wo ich dringend empfehlen würde, erstmal die Leseprobe zu lesen! Aber es lohnt sich, es zumindest mal auszuprobieren.

| Fazit |

In der Zukunft wird alles von Algorithmen gesteuert: Du kaufst nicht mehr ein, TheShop kauft für dich ein, weil es dich besser kennt als du dich selbst. QualityPartner vermittelt dir einen Partner, der zu dir passt, den du dir leisten kannst und der wahrscheinlich sogar am selben Tag wie du sterben wird.  Die Nachrichten zeigen dir nur, was du glauben willst – wenn du rechtsradikal bist, ist die ganze Welt rechtsradikal. Bis auf die Ausländer natürlich, die sind praktischerweise an allem schuld.

Das System macht keine Fehler, und deswegen ist immer alles OK. Und wenn es nicht OK ist, liegt der Fehler an dir und nicht am System. Aber als Peter Arbeitsloser einen pinken Delfinvibrator zugeschickt bekommt, hat er ein für alle Mal genug davon.

"QualityLand" verbindet Klamauk mit böser Gesellschaftskritik und unerwartetem Tiefgang. Ob man das mag, steht und fällt in meinen Augen damit, ob einen der Humor anspricht oder nicht – mir hat das Buch viel Spaß gemacht und mich dabei noch zum Nachdenken angeregt.

| REZENSIONEN / Berichte ZU DIESEM BUCH |

Spiegel Online
Deutschlandfunk Kultur
Frankfurter Allgemeine
mdr Kultur
manager magazin
Stern NEON
Hannoversche Allgemeine
radiobremen
Berliner Zeitung
Wortmax
leseschatz
buchrevier
Bella's Wonderworld
Krearchiv.de
Irve liest
pinkfish
Claudias Bücherregal
Sarahs Bücherregal


Meine Wertung 4,5 von 5 Sternen
Titel QualityLand
Originaltitel ---
Autor(in) Marc-Uwe Kling
Übersetzer(in) ---
Verlag* Ullstein
Seitenzahl* 384
Erscheinungsdatum* 22. September 2017
Genre Dystopie / Politsatire
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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Kommentare :

  1. Hallo Mikka,
    für Sätze wie "die brachiale Subtilität einer schwerhörigen Marschkapelle" liebe ich dich. Genial beschrieben.
    Per Anhalter durch die Galaxis mochte ich sehr sehr gerne und wenn der Stil in diese Richtung geht, ist das definitiv etwas für mich. Ich hab es mir auf meiner Warteschlange notiert.
    Liebe Grüße
    Daniela

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Huhu Daniela,

      ich bin mir ziemlich sicher, dass sich der Autor da auch ganz bewusst vor Douglas Adams verneigt hat – zum Beispiel gibt es in "QualityLand" den Ohrwurm, den man sich ins Ohr steckt und der dann quasi dein Gehirn mit dem Internet verbindet, und das hat mich doch sehr an den Babelfisch erinnert. :-)

      LG,
      Mikka

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    2. Ja, der gruselig Babelfisch :D.
      Wenn jetzt noch ein Handtuch vorkommt...

      Per Anhalter würd ich gern mal wieder lesen, aber leider ist das eines der Bücher, das ich verschenk und nie wiederbekommen habe :(

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    3. Ich glaube, ich besitze die Reihe auch nicht mehr, aber ich wollte mir vielleicht mal einen der Sammelbände holen, es gibt verschiedene, die alle fünf Bände enthalten. :-)

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  2. Hey Mikka,

    dein Rezension ist wirklich klasse geschrieben und auch wenn es wohl eher nicht meine Buchrichtung ist, kann ich mir vorstellen dass es dem ein oder anderen aus meinem Bekanntenkreis gefallen dürfte. Danke für deine ehrliche Meinung, die einem das Buch wirklich gut näher bringt.

    Liebe Grüße, Ruby

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    Antworten
    1. Huhu Ruby

      das Buch hat schon einen sehr speziellen Humor! Ich liebe genau diese Art von Humor ja, dabei habe ich es sonst überhaupt nicht mit Humor-Büchern. :-)

      LG,
      Mikka

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Danke für deinen Kommentar! :D