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Dienstag, 28. November 2017

[ Rezension ] "Sie allein" von Fikry El Azzouzi


Ein Rezensionsexemplar des Buches wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.


| Handlung |

"In der Küche des Restaurants, das Eva mit ihrem Freund in Brüssel betreibt, arbeitet Ayoub, ein junger Mann marokkanischer Herkunft. Er wirkt intelligent, wach, interessant, aber wie aus einer anderen Welt; uneinschätzbar, fremd. Eva und er kommen sich näher und plötzlich so nah, dass beiden klar wird: Ihren weiteren Weg wollen sie zusammen gehen. Trotz vieler Verdächtigungen, Vorurteile, Widerstände. Neu anfangen. 

›Sie allein‹ erzählt die berührende Geschichte von zwei Menschen, die zusammenfinden – vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die auseinanderfällt. Denn während die beiden ein Paar werden, gleitet ihr Land ab in einen Strudel aus islamistischem Terror, rechter Gewalt und einem politischen Populismus, der plötzlich wieder Menschen zweiter Klasse erzeugt."
(Klappentext)

| Meine Meinung |

Die Thematik könnte den Nerv der Zeit kaum besser treffen – jetzt, wo rechtsorientierte Parteien nicht nur in Deutschland mehr und mehr Einfluss gewinnen und hasserfüllte Tiraden gegen Flüchtlinge und Menschen muslimischen Glaubens erschreckend gesellschaftsfähig geworden sind.

Dazu kommt, dass Fikry El Azzouzi als Flame mit marrokanischen Wurzeln nicht nur weiß, wovon er spricht, sondern viel der Problematik selber erlebt hat. Diversität in der Literatur ist immens wichtig, und noch wichtiger ist es, dass nicht nur über Menschen geschrieben wird, die einer Minderheit angehören, sondern dass ihnen selber eine Stimme gegeben wird.

Dennoch konnte mich das Buch letztendlich nicht überzeugen.

Zum großen Teil lag das an Eva, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Sie geht Ayoub gegenüber direkt auf Konfrontation, mit schlechten Witzen über Selbstmordattentate und Extremismus. Ayoub bleibt gelassen (was sie ihm als Arroganz ankreidet) und kontert mit selbstironischem Humor, aber es dauert fast 50 Seiten, bis Eva ihn beim Namen nennt – davor ist er für sie nur "Abu Abwasch".

Natürlich ergibt sich gerade dadurch eine interessante Situation: hier trifft eine junge Frau, die sich selber für aufgeklärt und tolerant hält, auf einen Menschen, der die Vorurteile zum Vorschein bringt, die viele von uns mehr oder weniger unbewusst mit uns tragen. Aber sie hinterfragt das im Laufe des Buches kaum, es gibt einfach einen Bruch, gefolgt von plötzlicher Aufgeklärtheit.

Die Beziehung krankt an ganz anderen Dingen als dem Clash der Kulturen: Eva und Ayoub tun sich oft gegenseitig nicht gut, und das hat nur wenig mit seiner Religion zu tun. Evas Verhalten Ayoub gegenüber ist in manchen Szenen schlicht unentschuldbar. Würde umgekehrt ein Mann eine Frau so behandeln, wäre schnell von psychischer Gewalt die Rede, zum Teil kam es mir vor wie ein Auszug aus einem Lehrbuch über 'Gaslighting'¹. Im Streit sagt sie Sätze wie:

»Wie blöd bist du eigentlich?«

Und nachdem sie ihn schlägt (!!) und er sie abwehrt:

»Fang jetzt nicht an, das Opfer zu spielen.«

Auch ihre Träume sind enthüllend. In einem davon zertrümmert sie ihm das Nasenbein, spuckt ihm in den Mund, verhöhnt ihn:

»Och, bist du etwa traurig, weil du ein bisschen Dreck schlucken musstest? Was für mich Dreck ist, ist für dich gerade gut genug.«

Das ließ mich fassungslos und wütend zurück, gelinde gesagt. Eva fühlt sich schlecht deswegen, aber das reicht meines Erachtens nicht aus, da hätte ich mir mehr kritische Reflexion erwartet. Die Liebesgeschichte hatte für mich dadurch einen bitteren Beigeschmack.

Ayoub selber ist sympathischer und zugänglicher, auf ruhige Art weise, bleibt aber über lange Passagen eher blass, weil er mehr als Spiegel für Evas Selbstfindung dient. Vielleicht hätte es dem Buch gut getan, wenn es aus seiner statt aus Evas Sicht geschrieben wäre.

Andere Charaktere tauchen auf und verschwinden wieder, Potential ist vorhanden, wird aber nicht immer ausgeschöpft. Tragik wird in wenigen Absätzen heruntergespult, schockierende Ereignisse nehmen oft nicht den nötigen Raum ein, um beim Leser wirklich etwas zu bewegen.

Alles geht schnell, sehr schnell. Nicht nur die Liebesgeschichte: nach einer Reihe von Terrorakten rutscht Europa ab in den Faschismus, Menschen muslimischen Glaubens werden gehasst, gefürchtet, ausgegrenzt. Am Horizont zeichnet sich ab, dass sie über kurz oder lang das Schicksal der Juden im Zweiten Weltkrieg teilen könnten.

Dass es so viel Hass geben kann, ist weder unrealistisch noch überraschend – dennoch überschreitet das Buch für mich die Grenze dessen, was noch glaubhaft ist, wenn zum Beispiel demonstrierende Bauern ernsthaft davon überzeugt sind, dass Muslime Kinder essen. Auch die politische Umwälzung ging zu glatt, zu einfach. In einer Welt nach dem Dritten Reich sollten es die politischen Strukturen eines demokratischen Landes gar nicht zulassen, dass quasi über Nacht Gesetze erlassen werden, die zur systematischen Ausgrenzung einer Minderheit führen. Mir fehlten Erklärungen, wie genau das möglich gemacht wurde.

Die Geschichte enthält vieles, was zum Nachdenken anregt, aber die Art und Weise, wie sie erzählt wird, tut dem nicht gut. Das liegt zum Teil daran, dass Eva eine problematische Erzählerin ist, aber auch am Schreibstil an sich: die Sätze sind meist kurz, viele der Dialoge klingen in meinen Ohren unnatürlich und gestellt. Es blitzt immer wieder ein Humor auf, der großartig sein könnte, im Kontext für mich aber untergeht.

Gegen Ende gleitet die Geschichte dann mehr und mehr ab ins Merkwürdige, als sei die Grenze zwischen Evas psychedelischen Träumen und der Wirklichkeit durchlässig geworden. Zum Beispiel wird der Angriff eines Neonazis so vereitelt:

"Plötzlich stößt ein Vogel vom Himmel herab und landet genau auf dem Auge des Kahlkopfs."

Einfach so. Buchstäblich aus heiterem Himmel. Avis ex machina²? Danach überrascht kaum noch, dass es anscheinend auch Telepathie und magische Amulette gibt.

Das Ende konnte mich nicht mehr bewegen, weil es zu erwarten war und gleichzeitig den Bogen überspannt – zum dem Zeitpunkt war meine Bereitschaft, Geschehnisse einfach zu glauben, bereits überstrapaziert.

¹ Gaslighting: psychische Gewalt durch emotionale Manipulation, bei der dem Opfer suggeriert wird, dass seine Emotionen oder sein Verhalten unangebracht oder unnormal sind, beziehungsweise, dass es selber schuld ist an der (psychischen oder auch körperlichen) Gewalt. Dabei ist dem Täter oft nicht bewusst, was er tut, es gibt aber auch Fälle, wo der Täter die Verunsicherung des Opfers gezielt ausnutzt.
² avis = lat. Vogel / https://de.wikipedia.org/wiki/Deus_ex_machina

| Fazit |

Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Kulturen, und das vor dem Hintergrund eines Belgiens, das nach einer Reihe von Terroranschlägen mehr und mehr abdriftet in eine von Angst und Hass gesteuerte Politik. Die angesprochenen Themen sind brandaktuell und wichtig, dennoch konnte mich das Buch nicht überzeugen: zum einen ist Eva, die weibliche Hauptfigur, in meinen Augen sehr problematisch (was nicht ausreichend hinterfragt wird), zum anderen entwickeln sich die Dinge rasend schnell, so dass die Geschichte manchmal zwangsläufig an der Oberfläche bleibt.

Ich hatte mir von "Sie allein" mehr erwartet – vielleicht bin ich aber auch einfach nicht die richtige Leserin für dieses Buch? Die außergewöhnlichsten Bücher sind schließlich meist die, die polarisieren. Mir war vieles zu plakativ, manches (besonders gegen Ende) kam mir weder schlüssig noch glaubhaft vor.

| Andere REZENSIONEN und Artikel ZU DIESEM BUCH |

kulturradio rbb (Audio)
Deutschlandfunk Kultur (Text und Audio)
WDR
der Freitag
Flandern in Deutschland

Meine Wertung 2,5 von 5 Sternen
Titel Sie allein
Originaltitel Alleen zij
Autor(in) Fikry El Azzouzi
Übersetzer(in) Ilja Braun
Verlag* Dumont
Seitenzahl* 256
Erscheinungsdatum* 12. Oktober 2017
Genre Gegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

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