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Samstag, 16. September 2017

[ Deutscher Buchpreis 2017 / Shortlist ] "Die Kieferninseln" von Marion Poschmann

Das Buch auf Amazon

Die Autorin

Marion Poschmann wurde 1969 in Essen geboren, wuchs in Mülheim an der Ruhr und in Essen auf und lebt heute als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie studierte Germanistik, Philosophie, Slawistik und Szenisches Schreiben und unterrichtete Deutsch im Rahmen des deutsch-polnischen Grundschulprojektes 'Spotkanie heißt Begegnung'.
(Quelle: Wikipedia)

Ihr Romane und ihre Lyrik wurden vielfach ausgezeichnet. Allein im Jahr 2017 erhielt sie für ihr Gesamtwerk an Prosa und Lyrik den 'Deutschen Preis für Nature Writing',  sowie den 'Düsseldorfer Literaturpreis' für ihren Gedichtband 'Geliehene Landschaften'. Mit ihrem Roman 'Die Kieferniseln' wurde sie für den deutschen Buchpreis nominiert. Zum Zeitpunkt dieser Rezension hat der Titel es auf die Shortlist des Preises geschafft. 


Handlung

"Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Basho in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide."
(Klappentext)

Meine Meinung

Gilbert Silvester geht jegliche Fähigkeit zur Selbstreflexion vollständig ab. 

Seine Wahrnehmung ist seine Wirklichkeit ist die absolute, unumstößliche Wahrheit: er träumt, seine Frau habe ihn betrogen, also hat sie ihn betrogen, also lügt sie, wenn sie es abstreitet. Traum und Wirklichkeit sind fließende Konstrukte, deren Grenzen von Gilbert in keinster Weise hinterfragt werden.

Und so fliegt er nach Japan – obwohl er Ländern, in denen mehr Tee als Kaffee getrunken wird, grundlegend misstraut! –, beschließt, auf den Spuren des verehrten Dichters Matsuo Bashō zu wandeln, rettet den Studenten Yosa Tamagotchi vor dem Suizid und nimmt ihn kurzerhand mit auf seine merkwürdige Pilgerreise.

Kulturschock? Ja und nein. 

Unbeirrt belehrt Gilbert seinen jungen Begleiter über die Kultur seines eigenen Landes, was der sich fast schon unterwürfig gefallen lässt, erweist sich jedoch selber als nahezu unbelehrbar. Fest entschlossen, auf seiner Pilgerreise Erleuchtung zu erleben, lässt er diese über weite Strecken des Buches dennoch nicht zu. Er will beeindruckt werden, ist aber unempfänglich: sowohl für die Schönheit imaginärer Kirschblüten (da die Jahreszeit die falsche ist für echte Blüten) als auch für das albtraumhafte Szenario des Selbstmordwaldes von Aokigahara, wo Yosa den idealen Ort für seinen Freitod sucht.

Erst im Kabuki-Theater ist Gilbert gegen seinen Willen dann doch fasziniert, obwohl oder gerade weil ihm das Konzept vollkommen fremd ist. 

Die Autorin spielt mit dem klassischen Doppelgängermotiv: Gilbert spiegelt sich wider in Yosa, projiziert seine eigenen Schwächen, Ängste und Sehnsüchte auf den jungen Mann und würdigt ihn für genau diese herab. So sagt er, ohne sich der Ironie bewusst zu sein, er setze "keinerlei Vertrauen mehr in Yosas Vorschläge, die bisher samt und sonders davon zeugen, wie ein undisziplinierter Geist sich von verworrenen Gefühlen übermannen und sich zu irrationalen und sinnlosen Handlungen treiben lässt"

So deutlich ist Yosa ein Spiegelbild von Gilbert, dass man sich als Leser fragen muss: gibt es diesen Studenten mit dem unwahrscheinlichen Nachnamen 'Tamagotchi' überhaupt? Befindet sich Gilbert wirklich auf einer Reise nach Matsushima oder ist das alles nur ein Traum? Die Autorin verzichtet auf einfache Erklärungen, so dass jeder Leser seine eigene Wahrheit finden muss. 

"Die Kieferninseln" ist eine sprachlich wunderschöne, inhaltlich außergewöhnliche Gratwanderung zwischen Schein und Sein. Dabei ist das Buch nicht nur durch seine lyrische Wortmalerei ansprechend, sondern auch durch sein feines Psychogramm eines unverbesserlichen Pedanten, mit dem man dennoch mitfühlen muss, da er, ob ihm das nun bewusst ist oder nicht, auf der Suche ist nach mehr als seiner beengten Existenz. 

Es ist kein Buch zum Verstand abschalten und berieseln lassen, dafür aber eines, das zeigt, dass anspruchsvolle Literatur nicht trocken und langweilig sein muss: die Geschichte ist unterhaltsam, sie ist spannend, sie ist manchmal von einer Art tragisch angehauchter Komik. Gilbert und Yosa sind eine sonderbare Reisegemeinschaft, innerhalb derer vieles ungesagt bleibt – aber es ist ein beredtes Schweigen, in das der Leser viel hinein interpretieren kann, so wie das japanische Haiku erst vollendet wird durch die Interpretation des Lesers. 

Matsuo Bashōs Leben spielt nur im Hintergrund eine Rolle, aber seine Lyrik schwingt mit in den Beschreibungen der Landschaften, den von Marion Poschmann gewählten Bildern und nicht zuletzt den von Gilbert und Yosa verfassten Haiku, so laienhaft diese auch sein mögen. 

Fazit

Ein Traum veranlasst den Bartforscher Gilbert Silvester dazu, seine Frau zu verlassen und ins erstbeste Flugzeug zu steigen. Dieses fliegt nach Japan, wo Gilbert den Dichter Matsuo Bashō für sich entdeckt, den Studenten Yosa Tamagotchi (!!) vor dem Selbstmord bewahrt und eine Pilgerreise zu den Kieferninseln antritt. 

Die Geschichte hat etwas Schwebendes, Schwereloses: Man weiß nie genau, wo die Grenzen zwischen Schein und Sein verlaufen – was erlebt Gilbert wirklich, was ist vielleicht nur ein Traum? Man kann vieles zwischen den Zeilen entdecken, hinterfragen,  interpretieren, oder auch einfach die Schönheit der Sprache auf sich wirken lassen.

Für mich ist dieses Buch ganz klar ein verdienter Anwärter auf den Deutschen Buchpreis! 

ANDERE REZENSIONEN ZU DIESEM BUCH

Zeit Online
Süddeutsche Zeitung
Frankfurter Rundschau
Deutschlandfunk Kultur
Pinkfisch

Kommentare :

  1. Hallo Mikka,
    ein interessantes Buch. Ich mag Bücher, die durch eine schöne Sprache bestechen, aber tue mich schwer mit Geschichten, von denen man nicht weiß, was real und was fiktiv ist. Von daher weiß ich noch nicht, ob ich mich diesem Werk annähern soll. Da tut es wohl eine Leseprobe...
    Ich möchte gern ein bisschen abwechseln, leichte Lektüre mit anspruchsvoller. Letzteres ist nicht so einfach zu finden, daher bin ich für deine Besprechungen sehr dankbar.
    Grüße
    Daniela

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    Antworten
    1. Huhu Daniela,

      oh, das ist hier definitiv eine grundlegende Eigenschaft, dieses Spiel mit Traum und Realität. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich glaube, dass Gilbert wirklich nach Tokio gereist ist – und falls ja, ob es Yosa wirklich gibt. Dessen Nachnahme spricht in meinen Augen allerdings eher dafür, dass er ein Produkt von Gilberts Unterbewusstsein ist...

      LG,
      Mikka

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Danke für deinen Kommentar! :D