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Montag, 10. Juli 2017

[ Rezension ] "Die dreizehnte Geschichte" von Diane Setterfield

| Vollständiger Beitrag: http://www.mikkaliest.de/2017/07/die-dreizehnte-geschichte.html |

| Handlung |

"Margaret liebt nichts mehr, als sich in alte Romane zu flüchten und Biografien über unbeachtete Persönlichkeiten aus früheren Jahrhunderten zu schreiben. Umso erstaunter ist sie, als sie eines Tages einen Brief erhält von Englands bekanntester Autorin: Vida Winter. Margaret soll die Erste sein, der sie nun am Ende ihres Lebens die Wahrheit über ihre geheimnisumwobene Vergangenheit preisgibt. Jahrzehntelang hat Vida Winter, die einstmals Adeline Angelfield genannt wurde, Stillschweigen darüber bewahrt, was an jenem Tag geschah, als der Familiensitz bei einer Feuersbrunst in Schutt und Asche gelegt wurde.

Vidas Geständnis führt weit zurück in die Vergangenheit; zu ihrem Großvater, mit dem der Niedergang der einst angesehenen Familie Angelfield begann; zu ihrer schönen Mutter, die am Schmerz Vergnügen fand. Und zu Adeline und ihrem Zwilling Emmeline, die eine zurückgeblieben, grausam und voller Wut, die andere gütig und immer zufrieden. Bei diesem Teil der Familiengeschichte angelangt, beginnt Margaret an Vidas Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Diese kluge Dame, deren Menschenkenntnis verblüfft – sie soll das zurückgebliebene Kind Adeline gewesen sein? Mehr und mehr fragt sich Margaret, wer Vida Winter eigentlich wirklich ist."
(Klappentext)

Meine Meinung |

'Ein großartiges, magisches, wunderbares Buch!', wurde mir vorgeschwärmt 'Total öde, langatmig, voller endloser Beschreibungen!', wurde mir vorgejammert. Aber nach bestimmt drei Jahren, in denen dieses optisch wunderschöne Werk in meinem Regal ungelesener Bücher Staub sammelte, war es an der Zeit, mir meine eigene Meinung zu bilden.

Und während ich definitiv dazu tendiere, der ersten Meinung zuzustimmen, kann ich doch verstehen, warum zumindest ein kleiner Teil der Leser enttäuscht zur zweiten Meinung kommt. Ich denke, es ist zum großen Teil eine Frage der Erwartungen, die man an das Buch hegt.

Es ist spannend – aber es ist keine rasante Thrillerspannung, sondern eine unterschwellige, die sich in gemessenem Tempo aus den menschlichen Abgründen der wichtigsten Charaktere nährt. Düster, ja. Perfide. Aber auch philosophisch, und manchmal sogar schön. Es wirft Fragen auf, die es nicht alle beantwortet, und beantwortet dafür Fragen, bei denen man erst ganz am Schluss begreift, dass sie die ganze Zeit im Raum standen.

Das Buch erzählt eine außergewöhnliche Familiengeschichte: der Wohnsitz der Angelfields ist wie eine Parallelwelt, ein abgesonderter Mikrokosmos, in dem menschliche Gepflogenheiten und Moralvorstellungen nur bedingt Gültigkeit haben. Ein Großteil meiner Faszination lag daher auch in den Charakteren begründet, die alle nicht ganz der gesellschaftlichen Norm entsprechen; von Generation zu Generation setzt sich etwas fort, das an Wahnsinn grenzt (oder darüber hinausgeht?), und dennoch fand ich die Charaktere glaubhaft und überzeugend, wenn auch nicht unbedingt sympathisch. Es geht viel um die Dynamik verschiedener Geschwisterpaare: Charlie und Isabelle, verbunden durch Obsession und eine gemeinsame Veranlagung zur Grausamkeit. Adeline und Emmeline, Zwillinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten – wild, aggressiv und beinahe animalisch die eine, sanftmütig und liebevoll die andere.

Im Mittelpunkt steht Vida Winter, die wohl berühmteste Autorin ihrer Zeit, über deren Vergangenheit jedoch rein gar nichts bekannt ist. In jedem Interview spinnt sie eine neue Wahrheit und erzählt Geschichten, die sich dann doch als Fiktion erweisen. Aber jetzt sieht sie das Ende ihres Lebens nahen und erwählt eine Biografin, Margaret, der sie die ungeschminkte Wahrheit diktieren will. Unter anderem die, dass sie Adeline Angelfield hieß, bevor sie zu Vida Winter wurde...

Ihre Figur fand ich unglaublich gut geschrieben, und man fragt sich das ganze Buch über, wie und wann aus Adeline, dem verrohten, vernachlässigten Kind, die kultivierte Vida wurde. Es ist jedoch auch eine Geschichte über die Macht der Literatur, den manchmal fließenden Übergang zwischen Wahrheit und Fiktion.

Das Buch hat eine dieser unerwarteten Wendungen zu bieten, bei denen man am liebsten direkt noch einmal auf der ersten Seite beginnen würde, um herauszufinden, wo man möglicherweise Hinweise überlesen hat – auf einmal ist alles ganz anders, aber eigentlich hat man die Puzzleteile nur die ganze Zeit falsch zusammengesetzt. Mir sind direkt ein paar Szenen eingefallen, die mit dieser neuen Informationen einen ganz anderen Sinn ergaben! Sehr geschickt konstruiert. 

Der Schreibstil ist einfach ein Gedicht, die Autorin hat eine ganz besondere, außergewöhnliche Ausdrucksweise. Sie liest sich lyrisch, beinahe poetisch, und das auch dann, wenn sie Schmutz und Verfall beschreibt, und die Atmosphäre ist immer so dicht, dass man sie schneiden könnte. 

Fazit |

Diane Setterfield erzählt eine originelle, abgründige Familiengeschichte, die vor allem von ihren ungewöhnlichen Charakteren und dem wunderbaren Schreibstil lebt. Wer das Buch lesen möchte, sollte der Atmosphäre (viel!) Zeit geben, sich zu entfalten, und damit leben können, dass manche Fragen unbeantwortet bleiben. 

REZENSIONEN ZU DIESEM BUCH BEI ANDEREN BLOGS

1. The Read Pack (2 von 5 Ratten)
2. Private Readers (3 von 5 Sternen)
3. Buchmomente (3,5 von 5 Sternen)
4. booklove.de (9,8 von 10 Sternen)
5. Geckos Leseleben (5 von 5 Sternen) 

Meine Wertung 4,5 von 5 Sternen
Titel Die dreizehnte Geschichte
Originaltitel The Thirteenth Tale
Autor(in) Diane Setterfield
Übersetzer(in) Anke und Dr. Eberhard Kreutzer
Verlag* Heyne
Seitenzahl* 525
Erscheinungsdatum* 2. Juni 2008
Genre Gegenwartsliteratur

* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

Das Buch auf der Seite des Verlags
Das Buch bei Amazon
Das Hörbuch bei Audible

Cover 5 Sterne
Originalität 4,5 Sterne
Spannungsaufbau und Tempo 4 Sterne
Charaktere 4,5 Sterne
Schreibstil 5 Sterne

Kommentare :

  1. Wieder einmal geschafft. Du hast es wieder geschafft! Hast du gar kein Mitleid mit deinen Blogleser*innen? Es ist gerade einmal 8 Uhr und gerade eben hat sich meine WuLi um ein Buch verlängert.
    Im Ernst: Das ist großes Tennis: Keine allgemeine "find ich blöd" oder "liebstes Buch von Welt"-Rezensionen, sondern eine wohl abgewogene, ins feine Detail gehende Bewertung, die unterschiedliche Lesererwartungen berücksichtigt und mögliche Probleme daraus seziert. So stelle ich mir eine hilfreiche Rezension vor. ich weiß nun relativ genau, worauf ich mich bei diesem Buch einlasse und kann jetzt schon ahnen, bei welchen Punkten ich während des Lesens wohl mit den Augen rollen werde.
    Und das sage ich ganz bewusst nicht nur als Blog-Leser, sondern auch als Autor, dessen Buch hier gerade auf dem Lesestapel liegt. Genau so wünsche ich mir Rezensionen. Mit dem offenen Blick darauf, dass in den seltensten Fällen ein Buch "total gut" oder "total schlecht" ist. Mit Pauschalurteilen, selbst zu Einzelpunkten, ist weder dem Leser, noch dem Autor gedient. Kürzlich las ich eine schlechte Wertung eines Buches mit dem barschen Urteil "hat meine Leseerwartungen nicht erfüllt". Schmunzeln musste ich bei einem Kommentar hierzu, in dem jmd. klargestellt hatte, dass andere Leser mit diesem Urteil so gar nichts anfangen können, so lange nicht klar ist, WAS er/sie denn erwartet hat!
    Ich weiß, warum ich meine Buch Mikka anvertraut habe und freue mich jetzt schon auf die Rezension. Es wird eine gute Rezension werden. Auch wenn die persönliche Wertung vielleicht nur 1 oder 2 Sterne ergibt. Und den Lesern möchte ich sagen: Seid kritischer im Lesen von Rezensionen und achtet auf Zwischentöne, achtet auf die Fähigkeit des/der Blogger*in unterschiedliche Lesergruppen abzuwägen. Dann haben wir vielleicht bald mehr großes Tennis und weniger allgemeines bla-bla.
    Lieben Gruss
    Jürgen

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    1. Huhu Jürgen,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar! Das freut mich hier besonders, weil ich mir beim Schreiben der Rezension wirklich Gedanken gemacht habe, wie ich diesem Buch gerecht werden kann ohne in nichtssagende Lobhudelei zu verfallen. :-)

      Bei manchen Büchern ist die Versuchung groß, einfach zu schreiben "liebstes Buch von Welt" oder "alles doof", und das sind dann die Bücher, bei denen ich am allerlängsten an der Rezension sitze.

      Ich lese öfter Rezensionen auf Amazon, wo ich mir denke: aber was heißt das denn? Und ehrlich gesagt, meine ersten Rezensionen waren da keinen Schlag besser...

      Ich bin auf jeden Fall schon gespannt auf "Crossroads". :-)

      LG,
      Mikka

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