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Samstag, 13. Mai 2017

[ Rezension ] "Drachenläufer" von Khaled Hosseini

Khaled Hosseini: Kite Runner / Drachenläufer
#diverseLit: Freundschaft, Liebe und Verrat in Afghanistan
Meine Wertung 4,5 von 5 Sternen
Titel Drachenläufer
Originaltitel Kite Runner
Autor(in) Khaled Hosseini
Übersetzer(in) Michael Windgassen
Angelika Naujokat
Verlag* Berlin Verlag
Seitenzahl* 376
Erscheinungsdatum* 2004
Genre Gegenwartsliteratur

* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches

Das Buch auf der Seite des Verlags
Das Buch bei Amazon
Das Hörbuch bei Audible


Handlung

Wenn mich jemand fragen würde: »Worum geht es in diesem Buch?«, dann würde ich sagen: Es ist eine wunderbare Geschichte von der bedingungslosen Freundschaft und Loyalität zwischen Amir und Hassan, zwei kleinen Jungen, die 1975 in Afghanistan leben. Amir ist ein Paschtun aus reichem Hause, Hassan ist Sohn eines Dieners und gehört den Hazara an, einer diskriminierten Minderheit. 

Zitat: 
Und plötzlich flüstert Hassans Stimme in meinem Kopf: Für dich - tausendmal.

Es ist aber auch eine Geschichte von großer Tragik, denn Amir verrät diese Freundschaft und verleugnet dann noch seine eigene Schuld, die ihn aber gerade deswegen die nächsten Jahrzehnte verfolgen und bis ins Mark erschüttern wird. 

Zitat: 
Ich setzte mich auf eine Parkbank in der Nähe einer Weide und dachte über etwas nach, was Rahim Khan, kurz bevor er auflegte - als wäre es ihm im letzten Moment noch eingefallen -, gesagt hatte. Es gibt eine Möglichkeit, es wiedergutzumachen.  

Nicht zuletzt ist "Drachenläufer" ein Drama vom Krieg, der sich wie ein Krebsgeschwür ins Land frisst und Lebensfreude und  Menschlichkeit seiner Bewohner vergiftet. 

Zitat:
»Wo sind die Bäume?«, fragte ich. 
»Die hat man im Winter verfeuert«, antwortete Farid. »Viele sind auch von den Shorawi gefällt worden.«
»Warum?«
»Weil sich oft Scharfschützen dahinter versteckt haben.«
Ich wurde sehr traurig. 

Meine Meinung

ACHTUNG: Triggerwarnung! Das Buch thematisiert unter anderem körperliche und sexuelle Gewalt, auch gegenüber Kindern. 

Beim Lesen habe ich mich oft gefragt: Was weißt du eigentlich über Afghanistan, das über die endlosen Schlagzeilen von Krieg, Krieg und wieder Krieg hinausgeht? Was weißt du über die Menschen, die Kultur, das Lebensgefühl? Bestürzt wurde mir klar, dass mir tatsächlich als erstes Wörter wie "Luftangriff", "Terrormiliz" und "Taliban" durch den Kopf gehen. 

Zwar spielt auch in "Drachenläufer" der Krieg immer wieder eine zentrale Rolle, aber hier sieht man den Krieg nicht als Schlagzeile, sondern als menschliches Schicksal. Man kann nicht einfach geflissentlich-traurig den Kopf schütteln und das Ende der Nachrichten abwarten oder die nächste Seite der Zeitung aufschlagen. Hosseini lädt den Leser ein, mitzufühlen, auch wenn es manchmal wehtut. Obwohl alle Charaktere frei erfunden sind, bleibt einem doch immer im Hinterkopf, dass es Menschen wie sie in der Realität zu Hunderten und Tausenden gibt. 

Dass das Buch einem auch Einblicke gewährt in die Pracht und den Zauber eines Afghanistans, wie es einst war und vielleicht nie wieder sein kann, macht den Niedergang des Landes umso bitterer und verstörender. Es gibt viel Schmerz und keine einfachen Lösungen. Ich habe mehr als einmal Tränen vergossen, und dennoch bereue ich nicht, "Drachenläufer" gelesen zu haben. 

Es liest sich mal beinahe wie ein orientalisches Märchen, dann bietet es wieder eine erbarmungslos realistische Sicht auf das wahre Leben von Menschen, die im Krieg leben oder vom Krieg entwurzelt wurden. Originell fand ich die Geschichte so oder so, und sie entfaltete auf mich eine ungeheure Sogwirkung, Ich musste einfach wissen, ob es Amir gelingen wird, seine Schuld wiedergutzumachen, und so klappte ich das Buch dann auch erst in den frühen Morgenstunden zu... 

Die Charaktere fand ich großartig, aber auch die "Guten" machen es einem nicht immer einfach. Viele davon laden Schuld auf sich, dafür zeigen aber auch einige eine Selbstlosigkeit und einen Mut, der vielleicht nur in Zeiten größter Not erwacht. Die "Bösen" dagegen zeigen eindringlich, dass der Krieg auch das Schlechteste aus einem Menschen hervorholen kann. 

Amir erscheint zunächst sehr selbstsüchtig. Er wird zwar von Schuld über seinen Verrat zerfressen, kann aber damit nicht umgehen, lässt ausgerechnet Hassan dafür büßen - und begeht damit einen vielleicht noch größeren Verrat. Am Anfang empfand ich daher sogar ein wenig Widerwillen dagegen, eine Geschichte zu lesen, die sich hauptsächlich um Amir dreht! Aber man muss ihm zugestehen, dass er als Kind in eine Situation geriet, mit der er grundlegend überfordert war, und er macht im Laufe des Buches auch noch eine große Entwicklung durch. 

Der Schreibstil verzichtet auf Pathos und erzählt zwar detailliert und lebendig, dabei aber auch einfach und direkt. Hosseini lässt dem Leser viel Freiraum für eigene Gedanken und Kopfkino!

Fazit

"Drachenläufer" hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht, und ganz nebenher hat habe ich auch viel über das Leben der Menschen in Afghanistan gelernt. Gerade jetzt, wo Flüchtlingen so viel Unverständnis oder sogar Hass entgegenschlägt, ist dieses Buch aus dem Jahr 2004 wieder aktuell, denn mehrere der Charaktere werden vom Krieg aus ihrer Heimat vertrieben - und die, die bleiben, sind bei weitem nicht alle einverstanden mit den Methoden der Taliban.

REZENSIONEN ZU DIESEM BUCH BEI ANDEREN BLOGS

Cover 4 Sterne
Originalität 4,5 Sterne
Spannungsaufbau und Tempo 4,5 Sterne
Charaktere 4,5 Sterne
Schreibstil 4,5 Sterne

Kommentare :

  1. Amir und Hassan, wie schön, hier noch einmal von den beiden zu lesen. Ich habe das Buch schon vor Jahren gelesen. Bis dahin wusste ich über Afghanistan nur, dass es von den Russen besetzt war und dass "Rambo" dort gewesen war. Ein tolles Buch und wie Du zu recht schreibst, wieder hoch aktuell.

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    1. Huhu Anne,

      ich wollte das Buch eigentlich auch schon seit Jahren lesen, und als ich es dann in einem öffentlichen Bücherschrank fand, war das für mich endlich mal der Grund, es wirklich zu lesen.

      LG,
      Mikka

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  2. Ich hab mich nie an das Buch herangetraut ... aufgrund dieser Missbrauchssache.

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    1. Das war für mich auch etwas, das ich schwer zu lesen fand, obwohl es ja nur einen sehr kleinen Teil des Buches ausmacht.

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  3. Ich hab das Buch auch vor Jahren gelesen, es ist teilweise schon hart, aber auch sehr inspirierend gewesen.

    Grüße - Daniela

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    1. Huhu Daniela,

      ja, das finde ich auch!

      LG,
      Mikka

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