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Sonntag, 14. Mai 2017

[ Interview ] Autor Stefan Keller

Interview: Stefan Keller
Das Bild zeigt den Autor Stefan Keller
Erstmal möchte ich mich herzlich bei Stefan Keller und dem Rowohlt-Verlag bedanken für die Gelegenheit, "Das Ende aller Geheimnisse" im Rahmen meiner Themenwoche zur Diversität zu besprechen und dieses Interview zu führen. (Meine Rezension des Buches findet ihr HIER.)


Mikka: Die erste Frage bekommen Sie sicher öfter zu hören: auf Ihrer Webseite erzählen Sie, Sie hätten schon früh gewusst, dass Sie zwei Dinge niemals im Leben tun wollten, nämlich Schreiben und Unterrichten. Inzwischen haben Sie aber nicht nur sieben Kriminalromane und zwei Sachbücher verfasst, sondern auch Hörspiele, Drehbücher, Pressetexte, Kolumnen... Wie kam es zu diesem Sinneswandel? 

Stefan Keller: Ich würde sagen, das Schreiben hat mich einfach eingeholt. In gewisser Hinsicht war es der Igel, der schon auf den Hasen (das wäre dann ich) gewartet hat. Meine Vorstellung vom Leben war einfach nicht die, dass ich den ganzen Tag an einem Schreibtisch sitze. Das erschien mir langweilig, passt aber vielleicht ganz gut zu mir. 😀 Denn im Grunde habe ich immer geschrieben. Es ist für mich die geeignetste Form, um mich auszudrücken.

Mikka: Auch das Unterrichten ist Teil ihres Lebens geworden: erst Schreibkurse für die VHS, seit ein paar Jahren Schreibseminare an der Universität zu Köln. In seinem Roman "Widerfahrnis" lässt Bodo Kirchhoff den Protagonisten beklagen, er habe seinen Verlag schließen müssen, weil es "allmählich mehr Schreibende als Lesende" gebe. Würden Sie diesem kulturkritischen Gedanken zustimmen? 

Stefan Keller: Nein, da mache ich mir keine Sorgen. Selbst wenn es so wäre, wäre es so schlimm, wenn Leute Kultur nicht nur konsumieren, sondern auch selber produzieren wollen?

Mikka: Apropos Schreibende versus Lesende: kommen Sie selber denn noch zum Lesen? Und falls ja, greift man als Krimi-Autor dann auch bevorzugt zu einem Krimi?

Stefan Keller: Ich bin, fürchte ich, ein fast schon wahlloser Leser. Die einzige Regel, die ich bei der Lektüre habe, ist die, dass das nächste Buch dem vorhergehenden möglichst wenig ähneln soll. Natürlich lese ich auch Krimis, aber eigentlich versuche ich immer Bücher zu lesen, die mir auch einen anderen Input geben. Ich brauche diese unterschiedlichen Leseerfahrungen. Jemand der nicht liest, kann kein guter Schriftsteller sein.

Mikka: In Ihren Krimis sprechen Sie vielfältige, interessante Themen an, die unterschiedlicher kaum sein könnten. So geht es in "Kölner Totenkarneval" zum Beispiel um ein Selbstmordattentat, während sich Privatdetektiv Marius Sandmann in "Kölner Grätsche" in die Welt des Fußballs begibt und "Stirb, Romeo!" den Leser mitnimmt in die Zeit vor dem Mauerfall. Ich schließe daraus, dass Sie vielfältig interessiert sind, aber wie entscheiden Sie: ja, dieses Thema eignet sich auch für einen Krimi? 

Stefan Keller: Das Thema muss für einen Kriminalroman mit einem Verbrechen zusammengebracht werden können und zwar so, dass weder Thema noch Krimigeschichte darunter leiden, sondern sich im Idealfall ergänzen. Im „Kölner Wahn“ etwa geben die Bilder des ermordeten Outsider-Künstlers Jakob Maternus, die der Privatdetektiv Marius Sandmann an den Wänden eines verlassenen, aber komplett möblierten Hauses findet, wichtige Hinweise. Gleichzeitig kann ich mit den Bildern viel über Outsider-Kunst, ihre Entstehung, aber auch ihre Schöpfer erzählen. 

Mikka: Regionalkrimis erfreuen sich in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit. Jede Region und jede größere Stadt hat inzwischen ihre eigenen Ermittler und Detektive, die sich oft eine große Fanbasis aufgebaut haben. Sie selbst haben beim Gmeiner-Verlag eine Reihe von Krimis herausgegeben, die in Köln angesiedelt sind, und mit ihrem aktuellen Buch, "Das Ende aller Geheimnisse", bei Rowohlt eine neue Reihe begonnen, die in Düsseldorf spielt. 

Wann ist ein Regionalkrimi eigentlich ein Regionalkrimi und nicht nur ein Krimi, der zufällig in Stadt XYZ spielt? Wie würden Sie ihre eigenen Krimireihen einordnen?

Stefan Keller: Wenn ich das bloß wüsste...! Ich habe weder die Sandmann-Krimis noch „Das Ende aller Geheimnisse“ als Regionalkrimis geschrieben. Vermutlich müsste ich dafür mehr Zeit und Zeilen für die Ortsbeschreibungen opfern, die dann auch korrekt sein sollten? Aber ich passe die Orte gerne meiner Geschichte an, weswegen sie meist fiktiv oder zumindest nur halbwahr sind. Wichtig sind mir ohnehin die Figuren und nicht die Schauplätze. Heidi Kamembas Auseinandersetzungen mit ihren Kollegen interessieren mich als Erzähler weit mehr als die Orte, an denen das geschieht. Es sind also eher Krimis, die vielleicht nicht zufällig in bestimmten Städten spielen, bei denen aber diese Städte nicht im Vordergrund stehen.

Mikka: Haben Sie den Eindruck, dass die Leser mit anderen Erwartungen an einen Regionalkrimi herangehen? Macht es für Sie einen Unterschied beim Schreiben? 

Stefan Keller: Ich vermute, dass sie das tun – und dass meine Krimis für sie dann eine Enttäuschung darstellen. Die Orte sind eben nicht immer wiedererkennbar und sie spielen eine untergeordnete Rolle. Aber ich finde nun einmal, Geschichten sollten von Menschen handeln, nicht von Straßen.

Mikka: In "Das Ende aller Geheimnisse" tritt Heidi Kamemba ihre neue Dienststelle bei der Düsseldorfer Kripo an und wird damit zur ersten schwarzen Kommissarin Deutschlands, was natürlich für nicht immer wohlwollendes Aufsehen sorgt. Wann kamen Sie erstmals auf den Gedanken, über eine Protagonistin zu schreiben, die einer Minderheit angehört? Gab es einen konkreten Anlass oder ein reales Vorbild?  

Stefan Keller: Die ersten Notizen zu Heidi Kamemba stammen aus dem Jahr 2013. Warum und wie ich auf diese Figur gekommen bin, weiß ich leider gar nicht mehr. Sie hat mich nur von Anfang an interessiert und deswegen bin ich ihr nachgegangen. Ein reales Vorbild gab es dabei nicht. Ganz im Gegenteil. Das zumindest war ein Grund, an der Figur dranzubleiben: Es gibt meines Wissens bis heute keine afrodeutsche Kriminalkommissarin in der Realität. Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass es sie gibt. Also habe ich eine geschrieben.

Mikka: Heidi hat es im Laufe des Buches nur selten mit offen zur Schau gestelltem Rassismus zu tun, aber unterschwelliger Rassismus und ethnisches Profiling gehören zu ihrer alltäglichen Lebenswirklichkeit. Wildfremde Menschen duzen sie einfach, sie wird misstrauisch beäugt oder voller Herablassung behandelt wie ein begriffsstutziges Kind, und in den Gedanken ihrer Kollegen wird sie allzu oft reduziert auf ihre Hautfarbe: 'die Schwarze'. 

Wie schreibt man als männlicher Weißer glaubhaft über eine farbige Frau - wieviel Recherche war nötig? 

Stefan Keller: Man geht vielleicht mit einer größeren Sorgfalt an eine Figur wie Heidi Kamemba heran. Einfach weil man nicht sicher sein kann, ob die eigene Empathie ausreicht, jede Situation und jede Facette der Figur zu begreifen. Aber im Grunde bin ich so an Heidi Kamemba herangegangen wie an jede andere Figur auch: mit Recherche, Einfühlungsvermögen, Empathie. Vor allem mit Empathie. Natürlich gibt es Erfahrungen, die man als Schriftsteller mit seinen Figuren nicht teilt. Aber das macht den Reiz beim Schreiben und beim Lesen aus – zu versuchen, sich in eine junge Schwarze hineinzuversetzen und mit ihr durch eine deutsche Großstadt zu laufen, ist ein sehr aufschlussreiches Gedankenspiel. 

Irgendwann muss man die Figur aber auch aus sich selbst heraus agieren lassen. Im Fall von Heidi Kamemba hat mir ihre forsche Art weit mehr zu schaffen gemacht als ihre Hautfarbe. Sie entspricht mir so gar nicht und ich musste gerade am Anfang sehr viele Stellen umschreiben, in der die Figur Heidi Kamemba die Zögerlichkeit ihres Autors imitierte, während sie eigentlich sehr geradeheraus und bestimmt agiert.

Mikka: Haben Sie denn schon Feedback von farbigen Lesern bekommen?  

Stefan Keller: Nein, bisher interessanterweise noch nicht.

Mikka: Diversität ist zurzeit ein viel diskutiertes Thema. Was bedeutet für Sie persönlich Diversität in der Literatur?

Stefan Keller: Ich gebe zu, dass ich mich in der Literatur mit dem Thema sehr wenig auseinandersetze, nimmt man mein Bedürfnis nach vielfältigen Leseerfahrungen einmal außer Acht. Deswegen würde ich gerne auf einen anderen Gedanken eingehen. Es wird oft so getan, als wäre Diversität eine Art sozialer Luxus. Das ist ein Irrtum. Sie ist in meinen Augen Voraussetzung für eine sozial, kulturell aber auch ökonomisch funktionierende Gesellschaft. 

Ohne eine Vielfalt an Lebensentwürfen, Ideen, kulturellen Erfahrungen, biographischen Hintergründen kann es keine Entwicklung geben, kann nichts Neues entstehen. Wer sich abschottet verarmt. Bildlich gesprochen haben wir die Wahl zwischen der weltoffenen, prosperierenden, bunten Handelsstadt, reich, wohlhabend und vielfältig - oder dem armen, abgeschotteten, abgelegenen Tal in den Bergen, in dem die Kinder im Winter verhungern. Und anders als die Menschen im Tal können wir heute selber wählen, wie wir leben wollen.

Mikka: Grob gesprochen könnte man die Bücher, in denen Diversität angesprochen wird, in zwei Kategorien einteilen: diejenigen, die Diversität und damit verbundene Problematiken wie Rassismus oder Homophobie ausdrücklich zum Hauptthema machen, und diejenigen, in denen es primär um andere Themen geht, in denen aber Protagonisten eine Rolle spielen, die einer marginalisierten Gruppe angehören.  

Wie sehen Sie die Bedeutung dieser beiden Kategorien, was Umdenken und wachsende Akzeptanz beim Leser betrifft? 

Stefan Keller: Ich vermute, viele Leser tun sich leichter damit, wenn es primär um andere Themen geht, sie die Problematik also eher beiläufig präsentiert bekommen. Deswegen lassen sich viele Problematiken so gut in Krimis erzählen und die Möglichkeit, eine afrodeutsche Frau in ihrem normalen und dem Leser durch Lektüre bereits vertrauten, Arbeitsumfeld zu zeigen, bietet vielleicht auch eine andere Zugangsmöglichkeit. Aber manche wollen tiefer in eine Problematik einsteigen. Insofern braucht es – auch im Sinne einer kulturellen Diversität – beide Kategorien.

In „Das Ende aller Geheimnisse“ ging es mir vor allem darum, Heidi Kamemba als komplexe Figur zu erzählen, sie eben nicht auf das Problem Rassismus zu reduzieren. Im Grunde wollte ich sie als eine normale Polizistin zeigen, deren charakterliche Eigenschaften viel wichtiger sind als ihre Hautfarbe.

Mikka: Gibt es etwas, was Sie noch nie jemand gefragt hat, was Sie aber immer schon mal beantworten wollten?  

Stefan Keller: Über die Frage habe ich jetzt ziemlich lange nachgedacht, aber mir ist nicht wirklich etwas eingefallen. Wenn es das gäbe, stünde es sicher in einem meiner Bücher. 😉 

Mikka: Dann bedanke ich mich nochmal für die interessanten Antworten und wünsche Ihnen und Heidi Kamemba viele begeisterte Leser und Leserinnen. 
"Heidi Kamemba ist neu bei der Kripo Düsseldorf, und sie fällt auf: Sie ist die erste schwarze Kriminalkommissarin in Deutschland. Ginge es nach ihr, wäre ihre Hautfarbe kein Thema, doch leider sehen die meisten das anders. Als an ihrem ersten Arbeitstag in einem Waldstück eine verkohlte Leiche gefunden wird, nimmt sie die Ermittlungen auf, aber nicht alle im Team unterstützen sie. Während der Mörder noch gesucht wird, geben Kamembas Kollegen ihr zunehmend Rätsel auf. Es heißt, ihr Vorgänger habe sich mit seiner Dienstwaffe erschossen. Doch war es wirklich Suizid? "

Kommentare :

  1. Hallo Mikka,
    das ist mal ein richtig ausführliches Interview mit sehr interessanten Fragen, sehr erhellend. Und macht Lust auf seine Krimis.
    Diesen Beitrag hab ich auf meiner Wanderung durch die Welt der Bücherblogs verlinkt.
    Gruß - Daniela

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    Antworten
    1. Huhu Daniela,

      oh, das freut mich, danke! :-)

      Ich habe ja bisher nur dieses eine Buch von Stefan Keller gelesen, aber "Das Ende aller Geheimnisse" kann ich schon mal uneingeschränkt empfehlen.

      LG,
      Mikka

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