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Mittwoch, 1. Februar 2017

"Asphalt Tribe: Kinder der Straße" von Morton Rhue

Meine Wertung 4 von 5 Sternen
Titel Asphalt Tribe: Kinder der Straße
Originaltitel Asphalt Tribe
Autor(in) Morton Rhue
Übersetzer(in) Werner Schmitz
Verlag* Ravensburger
Seitenzahl* 224
Erscheinungsdatum* 1. Januar 2005
Genre Jugendbuch
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
Das Buch auf der Seite des Verlags
Das Buch bei Amazon
"Die fünfzehnjährige Maybe wurde von ihrer Mutter misshandelt und verstoßen. In New York lernt sie das harte und unbarmherzige Leben auf der Straße kennen. Schonungslos offen schildert sie den Kampf ums Überleben zwischen Kälte, Drogen, Prostitution, Hunger, Bettelei und Demütigungen. Maybe versucht, den Widrigkeiten der Straße zu trotzen und lernt dabei, was es heißt, alles zu verlieren und dennoch Freunde zu finden."
(Klappentext)
Der Autor wird den meisten wohl noch aus der Schule bekannt sein! Aus seiner Feder stammt das vielfach preisgekrönte und gerne als Lektüre verwendete Buch "Die Welle", in dem es um ein missglücktes soziales Experiment geht, mit dem ein Lehrer seinen Schülern eigentlich nur zeigen wollte, wie es zum Holocaust kommen konnte... Mit fatalem Ergebnis. (Das ist in der Realität übrigens tatsächlich passiert, an einer amerikanischen Schule in den späten 60er Jahren!)

Aber auch in seinen anderen Werken greift Morton Rhue oft brisante Themen auf, die Jugendliche betreffen: Amoklauf, Jugendkriminalität, brutale Erziehungscamps in den USA, Islamismus und Radikalisierung...

In "Aspalt Tribe" geht es um Straßenkinder - und zwar nicht in den Slums irgendeines Entwicklungslandes, sondern in einer durchschnittlichen amerikanischen Großstadt. Denn Jugendobdachlosigkeit ist auch in Wohlstandsländern ein (oft nur wenig beachtetes) Problem! Auch in Deutschland.

Morton Rhue erzählt die Geschichte einer kleinen Gruppe obdachloser Jugendlicher, die sich zusammengetan haben, um sich gegenseitig Schutz, Trost und Hilfe zu spenden, und die dabei allzu oft ums blanke Überleben kämpfen müssen. Die meisten von ihnen sind vor Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch geflohen, schlafen lieber bei Minus 20 Grad auf der Straße und verkaufen ihren Körper, statt zurückzugehen in ein Elternhaus, in dem sie die Hölle erlebt haben. Sie trauen Erwachsenen nicht mehr, auch nicht der netten Sozialarbeiterin, die ihnen nur helfen will.

Das ist sicher keine lustige Geschichte und der Autor beschönigt nichts, aber er verzichtet darauf, die schlimmen Dinge, die die Jungen und Mädchen erleben, sensationsgeil auszuschlachten und zum Beispiel genauer zu beschreiben, wie sie sich prostituieren. Das hat das Buch gar nicht nötig, denn es ist auch so schon bedrückend genug und regt zum Nachdenken an. "Maybe" berichtet relativ ruhig über die Geschehnisse - und das ist an sich schon verstörend, denn es zeigt, wie sehr sie mit ihren 15 Jahren schon abgestumpft ist. Sie ist traurig, wenn ein Mitglied ihres Stamms tot im Park gefunden wird, aber nicht einmal sonderlich überrascht...

Dennoch fand ich das Buch spannend und bewegend, und das Thema wurde in meinen Augen mit Mitgefühl und Respekt umgesetzt.

Die Kids benutzen "Straßennamen" wie 2Moro, Maggot oder Rainbow und sprechen nicht gerne über ihre Vergangenheit. Deswegen erfährt der Lesende echte Namen und Hintergrundgeschichten meist erst dann, wenn ein Kapitel des Buches mit einem kurzen Steckbrief eröffnet wird, der unvermeidlich mit einem sachlichen Eintrag über den Tod des Jugendlichen endet... Denn das kommt mehr als einmal vor.

Man könnte sagen, dass viele der Charaktere dadurch in gewisser Weise unnahbar bleiben, aber ich habe trotzdem mit den Kindern und Jugendlichen mitgefühlt, denn man spürt deren Leid immer zwischen den Zeilen. Die Erzählerin "Maybe" lernt man mit jeder Seite besser kennen, und man kann sich ihren Gefühlen kaum entziehen. Sie ist sehr glaubhaft und auch ihre Sprache erschien mir passend für ihr Alter und ihre Hintergrundgeschichte.

Am Schreibstil merkt man, dass sich das Buch an jugendliche Lesende richtet, denn der ist sehr einfach und klar strukturiert. Aber es ist meiner Meinung nach dennoch ein Buch, das auch für erwachsene Leser lohnend ist, denn es ist ein Thema, das es wert ist, einmal darüber nachzudenken.

Zitat:
Jewel schluchzte weiter. Er würgte und stöhnte ein bisschen, hustete und schniefte, dann schluchzte er wieder auf. Das war kein körperlicher Schmerz. Es war ein anderer Schmerz. Der Schmerz dieses verdammten, frierenden, hungrigen, schmutzigen Lebens, bei dem kein Mensch sich dafür interessierte, ob man tot oder lebendig war. Bei dem man nicht einmal einen Namen hatte. Nicht einmal eine Nummer. Nur etwas Fleisch, das an irgendwelchen Knochen hing. Das darauf wartete, gefüttert oder nicht gefüttert zu werden. Zu schlafen oder nicht zu schlafen. Zu leben oder nicht mehr zu leben. 
 
Jugendobdachlosigkeit mitten in einer amerikanischen Großstadt: Maybe, 2Moro, Maggot, Jewel, Rainbow, OG und Tears schlafen bei Minusgraden auf dem Asphalt, essen aus dem Müll, verkaufen ihre Körper, nehmen Drogen, und trotzdem kommt ihnen all das immer noch besser vor, als zurückzugehen in ein Elternhaus, wo sie geschlagen, beschimpft oder missbraucht wurden.

Morton Rhue greift das Thema mit viel Fingerspitzengefühl auf, ohne das Leid der Jugendlichen zur Unterhaltung der Leser auszuschlachten, aber auch ohne Beschönigung. Vom Schreibstil her ist es ganz deutlich ein Jugendbuch, aber eines, das auch interessant für erwachsene Leser sein kann.
Cover 4 Sterne
Originalität 3,5 Sterne
Spannungsaufbau und Tempo 4,5 Sterne
Charaktere 4 Sterne
Schreibstil 3,5 Sterne

Kommentare :

  1. Hey und einen schönen guten Morgen,
    tolle Rezension zu einem Buch das auch ich als Nicht-mehr-Jugendliche lesen würde ;-)
    'Die Welle' fand ich schon erschreckend gut.
    Schön das Du das erwähnst, den Autor habe ich nämlich gar nicht damit in Verbindung gebracht.
    Wünsche dir ein schönes Wochenende
    Liebe Grüße
    Kasin

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    Antworten
    1. Huhu Kasin,

      ja, "Die Welle" fand ich auch toll, aber das ist bei mir wirklich schon Eeeeeewigkeiten her, dass ich es gelesen habe... Als letztes hatte ich von dem Autor "Fame Junkies" gelesen, was mir nicht so gut gefallen hat. Ungelesen liegen hier noch "Bootcamp" und "No Place No Home".

      LG,
      Mikka

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  2. Hi Mikka,
    ich hab vor 4 Jahren die Graphic Novel dazu gelesen und fand selbst diese, die ja eher von den Illustrationen lebt, sehr bewegend.
    "Die Welle" ist und bleibt aber bisher in meinen Augend das beste Buch von ihm :)
    Liebe Grüße
    Ela

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    1. Huhu Ela,

      oh, ich wusste gar nicht, dass es eine Graphic Novel dazu gibt! Da hab ich doch direkt mal geguckt, und die scheint auch nicht mehr erhältlich zu sein und ist gebraucht recht teuer - wie schade!

      "Die Welle" fand ich auch sehr gut! Ansonsten habe ich von ihm bisher nur "Fame Junkies" gelesen, und das hat mich nicht ganz überzeugt. Jetzt liegen hier von ihm noch "Bootcamp" und "No Place No Home", die gelesen werden wollen.

      LG,
      Mikka

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Danke für deinen Kommentar! :D