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Sonntag, 2. Oktober 2016

[ Die literarische Schatzkiste ] "Das Gleichgewicht der Welt" von Rohinton Mistry

Rohinton Mistry wurde 1952 in Indien geboren - genauer gesagt in Mumbai (bis 1996 offiziell Bombay genannt), der wohl wichtigsten Hafenstadt des Subkontinents, die später auch in seinen Büchern eine Rolle spielen sollte. Er begann seine berufliche Laufbahn zunächst keineswegs mit dem Schreiben, sondern mit einem Bachelor in Mathematik und Wirtschaft, bevor er dann 1975 mit seiner Frau nach Kanada auswanderte. In Toronto begann er ein Studium der Anglistik und Philosophie, und in dieser Zeit machte er erstmals als Schriftsteller von sich reden, indem er zwei Jahre hintereinander (1983 und 1984) den Hart House Preis für seine Kurzgeschichten gewann. Damit wurde er zum ersten Autor, der diesen Preis direkt zweimal gewann! 

Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Studiums bewies sich Mistry schnell als literarisches Ausnahmetalent, mit einer Reihe von Veröffentlichungen, die ausnahmslos von der Kritik gefeiert und mit Preisen bedacht wurden. 1987 veröffentlichte der Penguin-Verlag die Kurzgeschichtensammlung "Das Kaleidoskop des Lebens". 1991 folgte das Buch "So eine lange Reise", das nicht nur zahlreiche Preise gewann, sondern auch in viele Sprachen übersetzt und 1998 verfilmt wurde. 

1995 veröffentlichte er "Das Gleichgewicht der Welt", um das es in diesem Artikel gehen soll. Auch dieses Buch gewann mehrere Preise (siehe weiter unten), und 2001 wurde es von der Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey in ihrer Sendung "Oprah's Book Club" vorgestellt, was aufgrund der Reichweite der Sendung eigentlich immer ein Garant für einen Bestseller ist. Auch von "Das Gleichgewicht der Welt" wurden nach der Ausstrahlung hundertausende (!!) zusätzliche Exemplare des Buches verkauft. 

2002 folgte mit "Die Quadratur des Glücks" die nächste Veröffentlichung. Danach sollte Mistry auf Lesereise durch die Vereinigten Staaten gehen, sagte diese aber frustriert und empört ab, nachdem er und seine Frau auf den ersten Stationen der Reise immer wieder von Flughafen-Sicherheitspersonal ins Visier genommen, grob und unhöflich behandelt und durchsucht wurden - vermutlich, weil die Terroranschläge am 11. September 2001 zu einem vermehrten Misstrauen gegen Menschen führten, die auch nur ansatzweise so aussahen, als könnten sie etwas mit dem islamistischen Terrorismus  zu tun haben, und Mistry von Hautfarbe und Typ her in das rassistische Profil eines möglichen Attentäters fiel. 

2006 veröffentlichte Mistry eine weitere Kurzgeschichtensammlung. 
Auszeichnungen für "Das Gleichgewicht der Welt":
1995 Giller Prize
1995 Los Angeles Times Book Prize for Fiction
1996 Commonwealth Writers Prize
1996 Shortlist des Booker prize
Auszeichnungen und Nominierungen für andere Werke des Autors: 
1991 Man Booker Prize, shortlist für "So eine lange Reise"
1991 Governor General's Award für "So eine lange Reise"
1991 Commonwealth Writers Prize für "So eine lange Reise"
1991 W.H. Smith/Books in Canada First Novel Award für "So eine lange Reise"
1991 Trillium Award für "So eine lange Reise"
2002 Man Booker Prize, shortlist für "Die Quadratur des Glücks"
2002 James Tait Black Memorial Prize für "Die Quadratur des Glücks"
2004 International IMPAC Dublin Literary Award, shortlist für "Die Quadratur des Glücks"
Gewonnene Wettbewerbe:
1983 Hart House Literary Contest, Kurzgeschichte "One Sunday"
1984 Hart House Literary Contest, Kurzgeschichte "Auspicious Occasion" 
Auszeichnungen für das Gesamtwerk: 
2012 Neustadt International Prize for Literature
2015 Ernannt zum Mitglied des "Order of Canada"
"Bombay 1975. Vier Menschen treffen aufeinander. Ihre Schicksale verknüpft Rohinton Mistry meisterlich zu einem großen Roman. Wir bedgenen Dina Dalal, einer Frau Anfang Vierzig und Maneck Kohlah, einem Studenten aus dem Gebiet des Himalaja; dem unglaublich optimistischen Ishvar Darji und seinem widerspenstigen Neffen, zwei Schneidern, die vom Land in die Stadt geflohen sind.

Seine großen erzählerischen Bögen spannt Misty von den grünen Tälern des Himalaja bis in die Straßen von Bombay. Er erzählt von Rajaram, dem Haarsammler; dem geschäftstüchtigen Bettlermeister, Herr über eine Bettlerarmee; oder Mr Valmik, einem Korrekturleser, der eine Allergie gegen Druckerschwärze entwickelt."
(Klappentext)

Zitat:
»Man muss ein feines Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung einhalten.« Er hielt inne und dachte darüber nach, was er gerade gesagt hatte. »Ja«, wiederholte er, »letztendlich ist alles eine Frage des Gleichgewichts.«

Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich in meiner Rezension zu diesem Buch schreiben könnte - diesem monumentalen Epos, das seine enorme emotionale Wucht gerade dadurch entfaltet, dass es den Blick nicht nur auf die dramatischen Ereignisse, sondern auch auf die kleinsten Dinge richtet. Die feinen Nuancen. Das Nichtgesagte. Die Zwischentöne. Mal ist das Buch ein farbenfrohes Spektakel, dann wieder eine zarte Szenerie leiser Philosophie. Manchmal war ich schockiert von der gnadenlos geschilderten Gewalt und dem Elend, dann wieder musste ich lachen, und mehr als einmal standen mir die Tränen in den Augen. Sei gewarnt, Leser: dies ist kein Buch, das beschönigt, und es ist auch kein Buch für erzwungene Happy Ends. Und dennoch ist es ein Buch, das verzaubert und bereichert.

Das Indien, dass Rohinton Mistry hier zum Leben erweckt, wirkte auch mich oft wie eine gänzlich fremde Welt, manchmal fast schon bizarr in ihrer Andersartigkeit. Aber dann stutzt man und erkennt sich auf einmal wieder in den Menschen, die diese Welt bevölkern. Denn deren Wünsche, Träume und Hoffnungen mögen zwar herzzerreißend bescheiden sein, aber dennoch vertraut.

In meinen Augen ist dem Autor nichts Geringeres gelungen, als das ureigenste Wesen des Menschen auf Papier zu bannen. Was ist Schmerz? Was ist Trauer? Was ist Ungerechtigkeit? Gerade wenn man als Leser glaubt, man könnte nicht mehr ertragen, stellen sich neue Fragen. Was ist Glück? Was ist Freundschaft? Was ist Hilfsbereitschaft? Das Gleichgewicht der Welt. Der Autor belehrt den Leser nicht, sondern lässt ihn die Antworten selber entdecken.

Im Mittelpunkt der Geschichten stehen vier Charaktere an der unsicheren Grenze zwischen Armut und vollkommener Verelendung.

Die Augen der Witwe Dina Dalal werden langsam zu schwach zum Nähen, aber ihr Stolz erlaubt es ihr nicht, ihren wohlhabenden Bruder um Hilfe zu bitten. Daher bringt sie in ihrer winzigen Wohnung nicht nur den jungen Studenten Maneck als zahlenden Gast unter, sondern richtet auch eine Werkstatt für zwei Schneider ein, die in ihrem Auftrag nähen - den optimistischen Ishvar und seinen wütenden Neffen Om. Herrscht am Anfang noch gegenseitiges Misstrauen, wächst die ungleiche Zweckgemeinschaft doch schnell zusammen zu einer Art Familie, die gemeinsam den turbulenten Zeiten trotzt.

Der Autor beschreibt seine Charaktere so lebendig und glaubhaft, dass man einfach mit ihnen mithoffen und mitleiden muss. Er zeigt an ihnen das ganze Elend der niederen Kasten, aber sie verkommen dabei nicht zu Stereotypen. Kein Charakter ist nur böse oder nur gut, egal wie extrem manche auf den ersten Blick erscheinen. Mitgefühl und Hilfe kommen oft aus der unerwartetsten Ecke, und manchmal stellt man fest, dass schreckliche Dinge nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Hilflosigkeit oder Angst geschehen.

Ich war sehr beeindruckt davon, was für ein lebendiges Bild vom Indien dieser Zeit das Buch zeichnet, von seiner Politik und seinen gesellschaftlichen Umstürzen. Man kann viel daraus lernen, und dennoch ist es kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eine originelle, mitreißende Geschichte, deren Sog ich mich nicht entziehen konnte. Für mich ist es allerdings kein Buch, das man schnell nebenher lesen kann! Man muss jedem Kapitel genug Zeit geben, man muss mitdenken und mitfühlen, sonst betrügt man sich selbst um ein Leseerlebnis, das lange nachhallt.

Außerdem braucht man ab und zu einfach eine Verschnaufpause, denn immer wenn man denkt, jetzt kann es für unsere Helden doch unmöglich noch schlimmer kommen, kommt es schlimmer. Und dennoch will man weiterlesen, weiterlesen, weiterlesen... Zumindest ging es mir so.

Der Schreibstil strotzt nur so vor Atmosphäre und ist mal wortgewaltig, mal leise. Er beherrscht die volle Bandbreite der Emotionen, von schwärzester Verzweiflung bis hin zu augenzwinkerndem Humor. Einfach wunderbar, und auch die Übersetzung erschien mir sehr gelungen.
Was für ein unglaubliches Epos... Auf 864 Seiten beschwört Rohinton Mistry das Bild einer Welt herauf, die uns gänzlich fremd ist und uns dennoch den Spiegel vorhält: Indien im Jahr 1975, mit all seinen Unruhen und Umstürzen. Zwei Schneider aus der niedersten Kaste, ein junger Student und eine verzweifelte Witwe werden von ihrer jeweiligen Notsituation zu einer widerwilligen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft gemacht, und der Leser verfolgt mit angehaltenem Atem, wie sie in den darauffolgenden Jahren vom Schicksal gebeutelt werden.

Das Buch macht es einem nicht leicht. Meines Erachtens sollte man mit der Erwartung an die Geschichte herangehen, dass sie einem immer mal wieder auf grausamste Weise das Leserherz brechen wird, denn der Autor ist gnadenlos gegenüber seinen Charakteren. Aber es ist dennoch ein lohnendes Leseerlebnis, das ich kein bisschen bereue und das ich auch weiterempfehlen würde! Manchmal sind die bewegendsten Bücher die, die auch ein bisschen wehtun.
Meine Wertung 5 von 5 Sternen
Titel Das Gleichgewicht der Welt
Originaltitel A Fine Balance
Autor(in) Rohinton Mistry
Übersetzer(in) Mathias Müller
Verlag* Fischer
Seitenzahl* 864
Erscheinungsdatum* 1998
Genre Gegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
Das Buch auf der Seite des Verlags
Das Buch bei Amazon

Kommentare :

  1. Guten Abend!
    Deine Rezension macht auf jeden Fall Lust auf das Buch, aber ich muss gestehen, dass ich ein bisschen Angst davor habe. Ein monumentales Epos, das es einem nicht leicht macht, auf über 800 Seiten. Das ist schon ein bisschen abschreckend ;-) Ich muss mal schauen, ob ich mir das Buch mal näher zu Gemüte führe. Eigentlich ist ja genau das mein Plan für 2017: über den Tellerrand hinaus schauen. Dieses Buch ist sicher nicht das, mit dem ich anfange, aber ich werde es im Hinterkopf behalten.
    Danke für die schöne Rezension!
    LG
    Yvonne
    #litnetzwerk

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    Antworten
    1. Huhu Yvonne,

      ich habe das Buch auch ein Weilchen vor mir hergeschoben, weil ich ein bisschen Angst davor hatte, und ich habe dann auch noch ein Weilchen dafür gebraucht. Es lohnt sich meiner Meinung nach, aber es ist ein Buch, für das man sich Zeit nehmen muss, und man muss sich wirklich direkt davon verabschieden, dass es für alle Protagonisten Happy Ends gibt.

      LG,
      Mikka

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