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Montag, 29. August 2016

Über den Hype


Das Wort "Hype" hört man als Buchblogger oder Booktuber ständig. Meist ist es nicht unbedingt positiv gemeint, sondern degradiert das unglückliche Buch zur schnöden Massenware. Das Feuilleton rümpft die Nase, der seriöse Literaturkritiker packt es mit spitzen Fingern nicht an - oder höchstens, um es mit gepflegter Verachtung in der Luft zu zerreißen

Ob gerechtfertigt oder nicht, auf einmal wird das Buch schief angesehen. Gehaltvolles Lesefutter, oder doch eher literarische Frittenbude? Der selbstbewusste Leser schert sich nicht drum, der verschämte Leser tauscht den Schutzumschlag mit dem von Han Kangs "Die Vegetarierin".

WIE ENTSTEHT SO EIN HYPE ÜBERHAUPT?

Tja, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. In den USA bestellen Buchhandlungen zum Beispiel - hektisch und in großen Mengen - alle Bücher, die Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey empfiehlt. Marcel Reich-Ranicki rief zu seinen Lebzeiten in deutschsprachigen Buchhandlungen ähnliche Reaktionen hervor. Ulkigerweise wurden dabei gerade die Bücher besonders gut verkauft, die er in seiner charakteristischen, geistreich-bissigen Art verriss!

Manchmal reicht ein einziger Nieser, um eine Epidemie auszulösen. (Oh, diese Metapher...)

Oft ist es einfach geschicktes Marketing des Verlags. Gelegentlich empfiehlt eine geliebte Autorin öffentlich die Werke einer Kollegin, mit glühender Inbrunst. Dabei handelt es sich dann um die sogenannte "Kreuzkontamination": die Übertragung eines Hypes von einem Autor auf einen anderen. Bei großem Erfolg eines Buches kann sich der Hype sogar auf das ganze Genre ausbreiten. (Siehe "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" oder "Die Tribute von Panem".)

In den letzten Jahren sind Buchblogs in gewissem Maße ebenfalls zu einer Macht geworden, die Hypes hervorrufen oder zumindest verstärken kann - was wiederum schiefe Seitenblicke des Feuilletons hervorruft oder zumindest verstärkt. Bei Buchbloggern kann das Kaufen eines gehypten Buches außerdem ein wohliges Gefühl der Kameradschaft und Zugehörigkeit mit der Community auslösen.

Egal, wo er herkommt, der Hype - auf einmal sieht man überall das gleiche Buch. Überall.

Videos, Hauls, Rezensionen, Blogtouren, Leserunden…

Ü-BER-ALL.

Hannibal Lecter sagt in "Das Schweigen der Lämmer" zu Clarice Starling: "Wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen!"

Ich würde ihm da nur bedingt zustimmen. Manchmal sind wir auch tödlich genervt von dem, was wir jeden Tag sehen. Aber das kommt ganz drauf an. Denn wenn der Hype eine Krankheit ist, dann eine mit vielen möglichen Symptomen und Krankheitsverläufen. (Manche Leser sind sogar komplett immun dagegen.)

ZWEI MÖGLICHE VERLÄUFE

I.)

Der ahnungslose Leser kauft das betroffene Buch vor dem Hype oder zu einer Zeit, da der Hype gerade mal zart die Fühler ausstreckt. Der Leser hat das Buch allerhöchstens ein paar Mal gesehen, in den allerersten Hauls und Buchbesprechungen - gerade genug, um sein Interesse zu wecken.

Im besten Fall liest er das Buch sofort und ist begeistert. Im weniger guten Fall liest er das Buch sofort und bereut den Kauf. Aber das Wichtigste: die Tatsache, dass es sich um ein Hype-Buch handelt, ist für ihn nahezu bedeutungslos. Er hätte das Buch wahrscheinlich sowieso gekauft und geliebt bzw. gehasst.

Gefährlich wird der Hype für diesen Leser erst dann, wenn er das Buch ungelesen liegen lässt und sich dem Erreger damit zu lange aussetzt. Nämlich solange, bis das Buch dann wirklich überall ist. In dem Fall geht es weiter wie bei Verlauf II.

II.)

Der Leser hat sich durch andauerndes Konsumieren von Buchblogs oder Booktube-Kanälen mit dem Hype infiziert und erst unter dem Einfluss des Erregers das Buch gekauft (oder das Buch nach dem Kauf zu lange liegenlassen, siehe Verlauf I).

Wenn er jetzt entschlossen genug handelt und das Buch liest, kann er das Schlimmste vielleicht noch verhindern! Das gelingt in der Regel nur dann, wenn ein tiefes, echtes Interesse an Genre und Thema besteht, aber sogar dann kann der Hype dazu führen, dass dieses Interesse immer mehr abstumpft und schließlich einer entnervten Übersättigung weicht.

Bei fortschreitender Infektion wächst mit jedem Tag die Gefahr, dass a) der Leser dauerhaft jedes Interesse an dem Buch verliert, welches dann zur sogenannten SUB-Leiche wird, oder b) es ihn nur noch enttäuschen kann, weil die Erwartungen ins Absurde übersteigert sind. Nur in den wenigsten Fällen gelingt die Heilung ohne Amputation des infizierten Buchs.

...ABER JETZT MAL SCHERZ BEISEITE. 

In meinen Augen sind Hypes für Buchblogger etwas ganz Natürliches. Denn wir sind doch alle in diesem Hobby, weil Lesen für uns eine Leidenschaft ist, über die wir uns austauschen wollen! Wenn uns ein Buch begeistert, dann brennt uns das unter den Nägeln und wir wollen am liebsten so viele Leser wie möglich davon überzeugen. Ganz normal. (Ein bisschen sind wir da wie die Borg. Widerstand ist zwecklos.)

Ob die Verlage das jetzt ausnutzen oder nicht, da kann man sich drüber streiten und das ist auch ein Thema für sich, aber Tatsache ist einfach, dass Begeisterung wiederum Begeisterung hervorruft. Es liegt in der menschlichen Natur, sich an der Meinung von Gleichgesinnten zu orientieren. Früher waren das Familienmitglieder und eine relative geringe Zahl an ausgesuchten Freunden, im Zeitalter des Internets fühlt man sich als Buchblogger schon halbwegs seelenverwandt mit jedem, der mal das Hashtag #ichliebelesen verwendet hat. Ok, ich übertreibe, aber ihr wisst, was ich meine...

Um Hypes zuverlässig zu vermeiden, müssten wir wohl unsere Passion fürs Lesen drosseln oder zumindest im stillen Kämmerlein ausleben - mit viel Selbstbeherrschung bzw. ohne Internetzugang. Und damit würden wir uns um etwas bringen, was vielen von uns viel Freude bereitet.

Aber auch wenn wir Hypes nicht verhindern können (oder wollen), können wir doch zumindest bewusster darauf achten, dass wir uns davon nicht überrollen lassen. Uns vor dem Kauf einfach mal fragen: Was genau interessiert mich eigentlich an diesem Buch? Was erwarte ich, was erhoffe ich mir davon?

Manchmal hilft es schon, wenn man nicht direkt in die Buchhandlung rennt oder auf "Kaufen" klickt, sondern es erstmal sacken lässt und abwartet, ob man in einer Woche oder sogar einem Monat immer noch Lust auf das Buch hat. Ich muss zugeben, das ist etwas, das mir selber sehr schwerfällt, denn ich bin ein impulsiver Mensch mit peinlichem Hang zum Konsumrausch. Aber ich arbeite dran.

Wie seht ihr das?

Kommentare :

  1. Hi,

    es hilft wenn man nicht so viel Geld hat zum Ausgeben. Bis die Bücher in der Bücherei zu finden sind, ist der große Hype meistens vorbei :)

    Manchmal tut es mir schon fast Leid, dass ich um viele Hype-Bücher von vorneherein einen großen Bogen machen. Einige sind sicher auch gut :) Ich gehöre also eher der Kategorie "tödlich genervt" an :D

    Alles Liebe,
    Lena

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    1. Huhu Lena,

      ich leihe selten "echte" Bücher aus der Bibliothek, nur eBooks über die Onleihe der Bücherhallen Hambug - und die haben Bücher manchmal erstaunlich schnell! :-)

      Manche Hype-Bücher sind wirklich klasse, ich denke auch, manchmal verpasse ich was, weil ich auf ein Hype-Buch einfach keine Lust mehr habe.

      LG,
      Mikka

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  2. Hallo Mikka,

    ein sehr schöner Beitrag, der mich mal selbst über mein Hype-Verhalten nachdenken lässt. Ich lasse mich schon gern auf gehypte Bücher ein, aber natürlich nur, wenn sie mich von Vornherein interessieren. Und ich denke schon, dass an vielen Hypes unter Buchbloggern auf irgendeine Art und Weise etwas dran ist. Ich glaube nämlich nicht, dass Bücher in den Himmel gelobt werden, wenn sie einem nicht gefallen haben.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    Antworten
    1. Huhu Nicole,

      das stimmt schon! Irgendeinen Grund muss es haben, wenn ein Buch zum Hype wird. Mein Problem ist eher, dass ich mich vom Hype dazu verleiten lasse, Bücher zu lesen, die mir einfach vom Thema oder Genre her nicht liegen.

      LG,
      Mikka

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  3. Hi^^

    Es ist auch ziemlich hilfreich, wenn man diese ganzen Hypes gar nicht erst mitbekommt. Ich z.B. weiß nie, welche Bücher grad gefragt sind, aber es interessiert mich auch nicht. Wäre mir auch stressig^^°

    Lg,
    Kira

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    1. Huhu Kira,

      ich kriege es hauptsächlich über "Gemeinsam Lesen", "Top Ten Thursday" und solche Aktionen mit, wenn man ein Buch dann auf einmal überall sieht!

      LG,
      Mikka

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  4. Yessss, Resistance is futile! Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage, hype-infiziert zu sein :D. Und sorry, dass dieser Kommentar erst heute kommt, aber in der Zeit, wo dein Artikel online gegangen ist, war ich auf Urlaub ...

    Ich empfinde Hypes übrigens nicht unbedingt als negativ, warum auch? Auf diese Art und Weise erfahre ich auch von schönen Büchern, nicht nur von schlechten (Okay, Geschmacksfrage, aber du weißt schon, was ich meine). Ab und zu lasse ich mich auch von einem Hype anstecken, wenn ich das Buch interessant finde. Wenn mir mein Buch aber sagt, lass die Finger davon, da langweilst du dich beim Lesen, kann der Hype noch so groß sein, ich werde es trotzdem nicht lesen ;).

    Ganz liebe Grüße und danke für diesen schönen Artikel!
    Ascari

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    1. Huhu Ascari,

      an sich kann ein Hype auch was Gutes sein, aber viele (und da kann ich mich nicht von freisprechen) lassen sich dann halt doch verleiten, ein Buch zu lesen, was einen gar nicht *wirklich* anspricht! ;-)

      LG,
      Mikka

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  5. Guten Morgen Mikka!

    Ich hab deinen Beitrag heute in der Stöberrunde verlinkt ;)

    Ich bin ja bei Hypes immer sehr vorsichtig, denn oft stellt sich raus, dass bei diesem Aufbauschen doch recht schnell die Luft raus ist bzw. ich kann an diesen Büchern oft nicht wirklich etwas gutes finden.
    ABER wenn mich eines dieser "Hype" Bücher total neugierig macht, dann guck ich mir das natürlich auch gerne mal an :) Wenn es so sehr präsent ist, schaut man halt einfach eher drauf, wie auf ein Buch, das grade einmal irgendwo erähnt wird...

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Huhu Aleshanee,

      manchmal stellt sich ein Hype-Buch allerdings dann wirklich als toll heraus! Aber du hast schon recht, oft ist es nicht soooo toll, wie der Hype versprach.

      LG,
      Mikka

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  6. Huhu Mikka :)

    schöner Beitrag von dir :) Ich lasse mich auch sehr oft von Hypes anstecken, vor allem wenn die Bücher in mein Beuteschema passen. Gerade bei der Aktion "Gemeinsam Lesen" wächst meine Wuli stetig. Ich finde es auch immer interessant, die vielen unterschiedlichen Meinungen zu einem gehypten Buch zu lesen. Da möchte ich dann schon gerne mitreden und das Buch auch unbedingt lesen.

    Bisher habe ich dabei sowohl positive als auch negative Erfahrungen gemacht. Gehypte Bücher, die ich auch ganz toll fand oder eher mittelmäßig und nicht gehypte Bücher, die dagegen ganz großartig waren aber leider eher unbekannt. Das finde ich dann immer etwas schade, wenn gute Bücher zu kurz kommen, nur weil sie nicht so stark vermarktet werden oder bei den Blogs wenig präsent sind.

    Ich bin allerdings ein eifriger Bibo-Nutzer und kaufe mir selten spontan ein Buch. Aber das etwas längere Warten auf gehypte Bücher macht mir nicht viel aus.

    Liebe Grüße von Conny :)

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    1. Huhu Conny,

      oh ja, "Gemeinsam Lesen" ist Gift für die Wunschliste! :-D

      Bei mir ist es so, dass ich, wenn ich geduldig bin und etwas auf ein Hype-Buch warte, irgendwann schon gar keine Lust mehr habe, es zu lesen...

      LG,
      Mikka

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Danke für deinen Kommentar! :D