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Mittwoch, 25. Mai 2016

[ Die literarische Schatzkiste ] "Mrs Dalloway" von Virginia Woolf

Virginia Woolf  (geb. Adeline Virginia Stephen, 1882-1941) war eine britische Autorin und Verlegerin aus einer wohlhabenden, intellektuellen Familie, die mehrere Schriftsteller hervorbrachte. Ihr Vater, Leslie Stephen, war zu Zeiten von Queen Victoria ein angesehener Autor, und ihr Großvater, William Thackeray, galt als ebenso bedeutend wie Charles Dickens und George Eliot.

Virginias Leben war allerdings alles andere als einfach: Sie und ihre Schwester Vanessa wurden von einem Stiefbruder sexuell missbraucht, und nachdem ihre Mutter starb, als Virginia erst 13 Jahre alt war, hatte sie ihren ersten Nervenzusammenbruch, jedoch leider nicht ihren letzten. Geplagt von Depressionen, sollten im Laufe ihres Lebens zahlreiche Schicksalsschläge und Nervenzusammenbrüche folgen, bis Virginia sich schließlich im Alter von 59 Jahren umbrachte, indem sie ihre Taschen mit Steinen füllte und in den Fluss Ouse sprang.

Der Abschiedsbrief an ihren Mann endete mit den Zeilen:  „Alles, außer der Gewissheit Deiner Güte, hat mich verlassen. Ich kann Dein Leben nicht länger ruinieren. Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir gewesen sind.“

Ihr literarisches Werk ist umfangreich: sie veröffentlichte zahlreiche Essays und eine Reihe von Biographien und experimentellen Romanen, in denen sie dem Strom der Empfindungen ihrer Charaktere mit verschiedenen Gestaltungsmitteln und psychologischem Einfühlungsvermögen unmittelbar folgte, zum Teil im Verlag Hogarth Press, den sie 1917 mit ihrem Ehemann Leonard Woolf gründete. Manche ihrer Bücher und vor allem ihre Tagebücher wurden jedoch erst nach ihrem Tod veröffentlicht.
Die Liste der Würdigungen für Virginia Woolf ist lang, aber ich möchte hier nur die auflisten, die sie speziell für den Roman "Mrs Dalloway" erhielt:

  • Radliffe Publishing Course: 100 Best Novels of the Century
  • Book Club Classics: Best Books for Discussion - Literary Lovelies
  • Time's list of the 100 best English-language novels written since 1923

Das ganze Buch spielt sich an einem einzigen Tag im Juni des Jahres 1923 ab. Die ältliche Mrs Dalloway bereitet am Morgen und Vormittag eine Festlichkeit vor, bei der sie alte Freunde und Bekannte wieder zusammenführen will. Dabei trifft sie einen alten Verehrer wieder, der gerade aus Indien zurückgekehrt ist. Gleichzeitig verbringt der von Halluzinationen geplagte Kriegsveteran Septimus Warren Smith den Tag mit seiner Frau im Park, bevor er am Nachmittag in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Später am Abend findet die geplante Party statt.
Für den modernen Leser liest sich das Buch ungewohnt, denn es hat keinen wirklichen Handlungsbogen. Was tatsächlich passiert, ist zweitrangig - wichtig ist, was in den Köpfen der Charaktere vor sich geht, die über die verschiedensten Themen nachdenken: Vergänglichkeit und das unaufhaltsame Verstreichen der Zeit, die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche eines Menschen (und da finden sich Parallelen zur psychischen Erkrankung der Autorin),  Liebe und Sexualität, gescheiterte Hoffnungen... Fast alle denken darüber nach, was hätte sein können, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätten und ihr Leben dadurch nur ein klein wenig anders gelaufen wäre. Tatsächlich scheinen die meisten das Gefühl zu haben, dass sie etwas verpasst haben und etwas Wichtiges in ihrem Leben vermissen, und die Vergangenheit nimmt in ihren Gedanken mehr Raum ein als die Gegenwart.

Was dieses Buch so originell macht, ist daher auch nicht die Handlung, sondern die Erzählweise: "Stream of Consciousness", Strom des Bewusstseins - eine Technik, die zum Beispiel auch James Joyce in seinem epischen Werk "Ulysses" einsetzte. Die Prosa bleibt immer ganz nahe dran an den Gedanken des Charakters, aus dessen Sicht wir die Geschehnisse gerade sehen, so gut wie ungefiltert. Das ist nicht immer einfach zu lesen, denn da springen die Gedanken schon mal unvermittelt von einem Thema zum nächsten, Worte und Satzfetzen wiederholen sich... Aber für mich hatte das etwas unwiderstehlich Hypnotisches, eine echte Sogwirkung. Ich hatte manchmal wirklich das Gefühl, für einen Moment durch fremde Augen zu sehen. Ich fand den Schreibstil großartig und einzigartig - er spricht oft über Banalitäten, aber darin verbirgt sich so viel.
Deswegen war das Buch für mich auch nicht spannend, wie ein Krimi spannend ist, aber ich konnte es dennoch kaum weglegen, weil ich wissen wollte, ob die Charaktere im Laufe des Tages zu Schlüssen über sich selbst und ihr Leben kommen und vielleicht sogar etwas ändern würden. Tatsächlich hat der innere Tumult, der sich in den Köpfen abspielt, dann erstaunlich wenig greifbare Auswirkungen - wobei einer der Charaktere letztendlich doch eine drastische und tragische Entscheidung trifft.

Die Charaktere kamen mir alle sehr echt und glaubhaft vor. Virginia Woolf lässt den Strom ihrer Gedanken, die sich im immer gleichen Kreise um Liebe und Verlust, Wünsche und Bedauern, Wahrheit und Wahnsinn drehen, ganz natürlich fließen. Besonders Septimus hat mich sehr berührt, denn aus seinen Gedanken spricht unendlicher Schmerz, was aber niemand zu verstehen scheint. Tragischerweise kam er mir vor wie derjenige, der von allen Charakteren noch am nächsten daran herankam, sein Leben in die Hand zu nehmen und es zu verändern.

Interessant fand ich, dass die Autorin auch das Thema Homosexualität ganz nebenher anschneidet: Clarissa Dalloway fühlte sich in ihrer Jugend zu einer anderen Frau hingezogen, und ihre Tochter ist mit einer Frau befreundet, die ebenfalls in sie verliebt zu sein scheint.

Auch der Krieg ist unterschwellig allgegenwärtig in diesem Buch - er ist zwar vorbei, aber die Menschen haben sich noch lange nicht davon erholt. Ich fand sehr bestürzend, wie wenig Verständnis man zu der Zeit anscheinend noch den Veteranen entgegen brachte, die von ihren Erlebnissen völlig traumatisiert waren. Die Autorin zeigt das sehr eindringlich am Beispiel von Septimus, von dem scheinbar erwartet wird, dass er sich einfach zusammenreißt und wieder zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft wird, obwohl er kurz vor dem Zusammenbruch steht.
"Mrs Dalloway" ist ein Buch, in dem oberflächlich gesehen wenig passiert - eine Frau plant eine Party und trifft einen alten Verehrer, ein Kriegsveteran wird in eine Klinik eingewiesen.  Aber in den Gedanken der Charaktere spielt sich ganz viel ab, und die Autorin lässt den Leser unmittelbar an dieser reichen inneren Welt teilhaben, indem sie ihn einfach mitten hinein wirft, ungefiltert. Da werden existentielle Themen angesprochen, und wenn man sich darauf einlässt, ist es meiner Meinung nach ein sehr lohnendes Buch, auch wenn man sich ein bisschen anstrengen und mitdenken muss.
Meine Wertung 5 von 5 Sternen
Titel Mrs Dalloway
Originaltitel Mrs Dalloway
Autor(in) Virginia Woolf
Übersetzer(in) Walter Boehlich
Verlag* Fischer Taschenbuch
Seitenzahl* 208
Erscheinungsdatum* 1. September 1997
Genre Klassiker / Gegenwartsliteratur
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
Das Buch auf der Seite des Verlags
Das Buch bei Amazon

Kommentare :

  1. Huhu! :)

    Von Virgina Wolf möchte ich unbedingt noch etwas lesen, da ganz viele von ihrem unglaublichen Schreibtalent schwärmen und auch deine Rezension jetzt hat mich sehr überzeugt. (: Das Buch kommt auf jeden Fall gleich auf meine Wunschliste.

    Alles Liebe,
    Jasi ♥

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    Antworten
    1. Huhu Jasi,

      ich würde allerdings vorschlagen, erstmal eine Leseprobe zu lesen, denn ich kenne auch Leser, die mit dem Schreibstil überhaupt nicht klarkommen!

      LG,
      Mikka

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Danke für deinen Kommentar! :D