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Montag, 9. November 2015

"Das Feuerzeichen" von Francesca Haig


Meine Wertung 4,5 von 5 Sternen
Titel Das Feuerzeichen (Band #1)
Originaltitel The Fire Sermon
Autor(in) Francesca Haig
Übersetzer(in) Kathrin Wolf
Verlag* Heyne
Seitenzahl* 480
Erscheinungsdatum* 26. Oktober 2015
Genre Dystopie
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
Das Buch auf der Seite des Verlags
Das Buch bei

"Vierhundert Jahre in der Zukunft: Durch eine nukleare Katastrophe wurde die Menschheit zurück ins Mittelalter katapultiert. Es ist eine Welt, in der nur noch Zwillinge geboren werden. Zwillinge, die so eng miteinander verbunden sind, dass sie ohne einander nicht überleben können. Allerdings hat immer einer von beiden einen Makel. Diese sogenannten Omegas werden gebrandmarkt und verstoßen. 

Es ist die Welt der jungen Cass, die selbst eine Omega ist, weil sie das zweite Gesicht besitzt. Während sie Verbannung, Armut und Demütigung erdulden muss, macht ihr Zwillingsbruder Zach Karriere in der Politik. Cass kann und will diese Ungerechtigkeit nicht länger ertragen und beschließt zu kämpfen. Für Freiheit. Für Gerechtigkeit. Für eine Welt, in der niemand mehr ausgegrenzt wird. Doch die Rebellion hat ihren Preis, denn sollte Zach dabei sterben, kostet das auch Cass das Leben …"
(Klappentext)
Francesca Haig hat etwas geschafft, was inzwischen gar nicht mehr so einfach ist: sie hat eine Dystopie geschrieben, die sich liest wie etwas völlig Neues. Die Grundidee fand ich dermaßen faszinierend, dass das Buch bei mir schon halb gewonnen hatte:

In einer post-nuklearen Zukunft werden ausschließlich Zwillinge geboren, immer ein Junge und ein Mädchen. Aber während das eine Kind grundsätzlich gesund, kräftig und makellos ist, hat das andere irgendeine Form von Behinderung oder Deformierung.

Nach vielen Generationen der Zwillingsgeburten hat sich die Gesellschaft in zwei Gruppen gespalten: die gesunden Alphas, die privilegiert in wohlhabenden, sauberen Städten leben, und die "defekten" Omegas, die schon als Kleinkinder gebrandmarkt und in reine Omega-Siedlungen abgeschoben werden, wo sie nicht halb so viele Rechte genießen wie ihre Zwillinge. Die Omegas werden gefürchtet, da sie als Inbegriff alles Schlechten gesehen werden, und womöglich würde diese Furcht sich in einem Genozid entladen - wäre da nicht die simple Tatsache, dass kein Alpha ohne sein Omega leben kann. Stirbt der eine Zwilling, stirbt auch der andere.

Cass ist eine Omega, weil sie seherische Fähigkeiten besitzt - was von Alphas und Omegas gehasst und gefürchtet wird. Am Anfang hatte ich das Gefühl, keinen rechten Zugang zu ihr zu finden, denn die Geschichte durchläuft in den ersten Kapiteln sozusagen im Zeitraffer mehrere Jahre, wodurch ich Cass' Emotionen einfach nicht unmittelbar spüren konnte. Aber ab dem Punkt, ab dem wir die Geschichte wieder langsamer aus Cass' Sicht miterleben, wuchs sie mir immer mehr ans Herz!

Sie hat eine Schwäche, die eigentlich eine Stärke ist: sie sieht das Gute im Menschen und vertraut lieber einmal zu oft, als einmal zu wenig. Obwohl sie selber allen Grund dazu hätte, die Alphas zu hassen, empfindet sie eine zutiefst verwurzelte Überzeugung, dass nicht Krieg die Lösung für die Unterdrückung der Omegas ist, sondern nur ein friedliches Zusammenleben von Alphas und Omegas.

»Der wahre Grund, warum es keinen Sinn macht zu kämpfen, ist, weil es keinen Gewinner geben kann. Jeder Alpha, den ihr umbringt, bedeutet, dass irgendwo einer von uns tot umfällt.«
(Cass)


Ihren Zwillingsbruder Zack, der seine eigene Karriere über Cass' Wohlergehen stellt, konnte ich bis zu einem gewissen Punkt sogar verstehen; in seinen Augen hat seine Schwester ihn um die Kindheit betrogen, die ihm zustand. Vieles von dem, was er tut, wird von einer ganz instinktiven Angst davor motiviert, nicht dazu zu gehören oder gut genug zu sein. Womit ich sein Verhalten nicht entschuldigen will! Aber ich fand es gut, dass die Autorin ihn als Menschen mit nachvollziehbaren Motiven zeigt.

Dann gibt es da noch Kip, den Cass vor einem schrecklichen Schicksal rettet. Er war mir direkt sehr sympathisch! Obwohl er sein Gedächtnis verloren hat und deswegen quasi nochmal ganz von vorne anfangen muss, hat er eine starke Persönlichkeit, die einem im Gedächtnis bleibt. In den unmöglichsten Situationen zeigt er immer wieder einen flapsigen Humor, was das düstere und hochspannende Buch manchmal etwas auflockert.

»Wird das jetzt zur Gewohnheit, dass du allen, die versuchen, dich zu töten, vor ihrem Tod noch Versprechungen machst? Ich frage nur, weil es sein kann, dass dabei in Zukunft einige Verpflichtungen zusammenkommen.«
(Kip)


Über ein paar andere Charaktere hätte ich gerne noch mehr erfahren, wie zum Beispiel Piper, den Anführer des Widerstands, oder die gefürchtete Seherin, die als "Beichtmutter" bekannt ist. Sie tut wirklich schreckliche Dinge und ich hätte gerne besser verstanden, was sie dazu gebracht hat!

Die Liebesgeschichte hat mir gut gefallen, obwohl (oder vielleicht gerade weil) sie sich langsam aufbaut und nicht im Mittelpunkt der Handlung steht. Ich fand sie rührend und gut geschrieben!

Obwohl die Handlung manchmal eher bedächtig voranschreitet, passiert in meinen Augen auch in den ruhigeren Passagen immer genug, um das Interesse wach zu halten. Die Grundidee wird schlüssig ausgebaut, und auch die Welt erschien mir stets gut durchdacht und komplex.

Der Schreibstil gefällt mir an sich sehr gut, aber nach meinem Empfinden verliert er in der Übersetzung viel seiner Dringlichkeit und seiner interessanten Sprachmelodie. (Ich habe die ersten Kapitel verglichen.) Manche Stellen sind meines Erachtens auch ein wenig verfälscht übersetzt.

So flieht Cass zum Beispiel in einer Szene vor einem berittenen Verfolger, und dann wird gesagt:
 
"Einer von ihnen packte meine Füße und riss mich auf sein Pferd." 
Wie kann man vom Pferd aus jemanden an den Füßen fassen?!

Im Original:
"One simply scooped me up as I ran, snatching the earth from under my feet." 
Grob übersetzt: "Einer sammelte mich einfach auf während ich rannte und riss mir die Erde unter den Füßen weg."

Zum Teil werden Wörter auch als Fremdwort stehen gelassen, obwohl das im Deutschen dann etwas gestelzt oder unsinnig klingt. Ein Schreckgefühl ist zum Beispiel "insistent" (eindringlich) und Wangenknochen sind "prominent" (hervorstehend).

Das Ende des Buches ist ein ziemlicher Hammer - der Autorin ist es gelungen, mich eiskalt zu erwischen, das hätte ich niemals erwartet. Ein sehr mutiges Ende, an dem sich sicher die Geister scheiden werden, aber mich hat es nach dem ersten Schock sehr beeindruckt.
In der Zukunft, nach der großen atomaren Katastrophe, werden nur noch Zwillinge geboren, von denen je einer "makellos" (gesund und unversehrt) und einer "verunstaltet" (behindert oder deformiert) ist. Die Gesellschaft splittet sich auf in die privilegierten Alphas und die unterdrückten Omegas. Ein Zwilling kann jedoch nicht ohne den anderen sein: stirbt ein Alpha, stirbt auch sein Omega.

Eine packende Dystopie mit einer originellen Grundidee, überzeugenden Charakteren und einer interessanten, komplexen Welt. Einzig an der Übersetzung hatte ich ein wenig zu knabbern!
Cover 4 Sterne
Originalität 5 Sterne
Spannungsaufbau & Tempo 4 Sterne
Charaktere 4,5 Sterne
Schreibstil
(1 Stern Abzug für die Übersetzung)
4 Sterne
Romantik 4,5 Sterne

Kommentare :

  1. Huhu Mikka,
    wie schön, dass dir das Buch gefallen hat! Ich möchte es auch ganz bald lesen und das, was du geschrieben hast, macht mich schon richtig kribbelig. Kann es kaum noch abwarten.

    LG, Cindy

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    Antworten
    1. Huhu Cindy,

      dann wünsche ich dir viel Spaß damit! :-)

      LG,
      Mikka

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  2. Hallo Mikka,
    bei mir ist der Auftakt der Reihe auch schon etwas her, aber ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich lang meine Schwierigkeiten hatte, bis ich dann endlich gefesselt war. Jedenfalls war ich danach neugierig darauf, wie es weitergeht. ;-) Im April kommt ja der dritte Teil dazu und ich bin gespannt, wie die ganze Sache ausgeht.
    Liebste Grüße, Hibi

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    Antworten
    1. Huhu Hibi,

      den dritten Teil werde ich wahrscheinlich auf englisch lesen, und das sollte ich auch tun, bevor ich alles vergessen habe!

      LG,
      Mikka

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Danke für deinen Kommentar! :D