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Mittwoch, 7. Januar 2015

"Vollkommen" von Patricia Rabs


Meine Wertung 4 von 5 Sternen
Titel Vollkommen
Autor Patricia Rabs
Verlag Carlsen im.press
Seitenzahl 406
Erscheinungsdatum 6. November 2014
Genre Dystopie

Das Buch auf der Seite des Verlags
Das Buch bei


Sie haben sich in einer streng regulierten Idealgesellschaft den besten Platz erobert: Die Familie der 17-jährigen Teresa Evans gehört zu den Privilegierten, die in Mitte wohnen dürfen. Ihr Blut wird seit Generationen als so wertvoll eingestuft, dass sie es spenden und dafür besser leben können. Doch mit Teresa kommt die Wende, sie hat die Einstufung zur Blutspende nicht bestanden. Wegen ihr könnten sie jederzeit in die Armutswelt der Randbezirke abgeschoben werden. Dorthin, wo auch Lukas wohnt. Der Junge, mit dem Teresa als Privilegierte niemals zusammen sein dürfte und der jetzt ihr einziges Licht im Dunkeln ist. Doch gerade Lukas besteht als Erster seines Stammbaums die Einstufung und gehört plötzlich zu den Privilegierten…
© Klappentext & Cover: Carlsen im.press


"Vollkommen" ist eine sehr einfallsreiche Dystopie - eben nicht der tausendste Abklatsch der erfolgreichen "Stars" des Genres, wie "Die Tribute von Panem", sondern etwas ganz Eigenes mit einer besonderen Atmosphäre und einer interessanten Grundidee, die viel Stoff zum Nachdenken bietet.

In der bedrückenden Welt, die uns die Autorin beschreibt, kann man sich glücklich schätzen, wenn man in der sogenannten "Mitte" lebt, sich ab und an den unerhörten Luxus eines Apfels oder einer Banane gönnen und seinen Kindern die Schule finanzieren kann. Wer so richtig im Wohlstand lebt, kann sogar den ganzen Winter hindurch heizen! Am "Rand" sieht das schon ganz anders aus: frisches Obst und Gemüse kann sich keiner leisten, die meisten Kinder können nicht mal lesen oder schreiben, und im Winter kann man sich nur in zerlumpte Decken wickeln und hoffen, dass man in der Nacht nicht erfriert.

Wer in der Mitte lebt und wer am Rand, das wird nicht etwa entschieden durch Arbeitswillen, Bildung oder andere Faktoren, die ein Mensch vielleicht beeinflussen kann, sondern einzig und alleine von der Qualität seines Blutes. Mit 15 können sich Jugendliche testen lassen, und wenn ihr Blut den Ansprüchen genügt, müssen sie zwei Jahre lang alle möglichen Vitamine und Medikamente einnehmen und dürfen dann von ihrem 17. bis zu ihrem 25. Geburtstag regelmäßig Blut spenden. Und das wird richtig, richtig gut bezahlt. Schon ein Blutspender kann eine ganze Familie ernähren, und mehrere Kinder zu haben, die spenden, kann eine Familie schwindelerregend reich machen!

Familien, deren Kinder abgelehnt wurden, haben dagegen kaum eine Chance, der Armut zu entkommen. Und wem das nicht passt, der sollte es nicht zu laut sagen. Am besten schaut man auch weg, wenn der Nachbar, der Kritik geäußert hat, deportiert wird... Warum das Ganze? Das möchte ich auch noch nicht verraten, aber nein, es hat nichts mit Vampiren zu tun.

Die Geschichte fand ich von der ersten Seite an sehr spannend, sehr geheimnisvoll. Ich stellte immer neue Theorien auf, was die Regierung wohl mit dem ganzen Blut vorhat, und wurde dann gegen Ende doch komplett überrascht! Damit hatte ich nicht gerechnet, und ich finde die Idee sehr interessant und leider auch nicht so ganz abwegig. Die Spannung schraubt sich immer weiter hoch, und ab einem gewissen Punkt ist die Geschichte sehr rasant und actionreich.

Die Hauptfigur, Teresa, gefiel mir erst richtig gut. Am Anfang ist sie einfach nur eine sympathische junge Frau, die von einem besseren Leben für ihre Familie träumt. Dann stellt sich ihre Welt über Nacht auf den Kopf, und ihre Liebe scheint schon verdammt, bevor sie richtig angefangen hat... Ich habe sehr mit ihr mitgefühlt und mitgefiebert. Im Laufe der Geschichte hat mich dann aber immer wieder befremdet, wie launenhaft sie sein kann. Mal ist sie unerträglich naiv und beinahe schon märtyrerhaft, dann wirkt sie wieder sehr ich-bezogen und sogar etwas selbstsüchtig. Eigentlich ist ihr egal, wie krank die Gesellschaft ist. Sie will nur, dass es ihr und ihren Lieben gut geht. Erst sehr spät in der Geschichte entwickelt sie Kampfgeist über den reinen Überlebenswillen hinaus.

Aber vielleicht bin ich da auch etwas zu streng mit ihr, sagte ich mir letztendlich. Sie ist schließlich völlig überfordert mit der ganzen Situation, und es ist für den Leser einfach, Kampfwillen zu fordern, wenn die eigene Familie nicht bedroht wird, nicht wahr? Außerdem ist sie in einer Gesellschaft großgeworden, in der Zivilcourage tödlich sein kann und das Wegschauen zum Volkssport geworden ist. Mit gemischten Gefühlen folgte ich dem Geschehen und dachte immer wieder über Teresa nach - und ist das nicht das Merkmal eines guten Charakters? Gegen Ende hatte ich dann wieder meinen Frieden mit ihr gemacht, und im Rückblick würde ich sagen: ja, doch, sie ist ein guter Charakter.

Auch mit Lukas durchlief ich ein Wechselbad der Gefühle. Manchmal fand ich ihn richtig großartig, dann fragte ich mich wieder, was Teresa eigentlich an ihm findet. Die beiden haben scheinbar sehr wenig gemeinsam. Sie war immer schon hungrig nach Bildung und versessen aufs Lesen, und er hat eigentlich überhaupt keine Lust darauf, das Lesen zu lernen, sondern hängt lieber mit seinen Kumpels ab. Aber natürlich ist er im Grunde das Produkt der Welt, in der er lebt, denn er wurde am "Rand" geboren. Woher soll die Lust auf Bildung kommen, wenn Bildung Luxus ist und man sich erstmal darum kümmern muss, nicht zu erfrieren oder zu verhungern? Auf jeden Fall ist er mutig, loyal und fest entschlossen, Teresa zu beschützen, und damit hat er dann doch noch mein Herz gewonnen.

Dennoch, die Romantik kam blieb für mich eher lauwarm... Es gibt auch eine Dreiecksgeschichte, und das hasse ich ehrlich gesagt normal wie die Pest. Allerdings fand ich es hier noch erträglich und ich konnte es sogar ein Stück weit nachvollziehen, denn hier geht es um junge Menschen in einer Extremsituation, und da können Gefühle wie Angst und Dankbarkeit schon mal für emotionales Chaos sorgen.
Der Schreibstil gefiel mir sehr gut. Er liest sich leicht und angenehm und beschwört mit Leichtigkeit eine Welt herauf, die unserer völlig fremd und doch sehr ähnlich ist.



Eine Welt, in der Angst und Armut an der Tagesordnung sind und Blut eine Währung darstellt. Eine Heldin, die wegen ihres Blutes erst eine Ausgestoßene ist und dann etwas Kostbares, das von vielen Menschen begehrt wird. Die Geschichte ist originell, spannend und regt zum Nachdenken an, und bis zum Ende tappte ich im Dunkeln, was hinter all dem steht. Die beiden Protagonisten waren für mich nicht unproblematisch, aber definitiv interessant! Für mich ist "Vollkommen" eine der interessanteren Dystopien der letzten Jahre.

Cover 4 Sterne
Originalität 4,5 Sterne
Spannungsaufbau & Tempo 4,5 Sterne
Charaktere 4 Sterne
Schreibstil 4 Sterne
Romantik 3 Sterne

Kommentare :

  1. Diese Dystopie gefiel mir auch sehr gut. Das war wirklich mal was anderes. Bin schon gespannt, wie es weitergeht.

    Liebe Grüße,
    Nane

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    1. Ich war mir erst nicht sicher, ob es weitergeht oder ob es ein offenes Ende sein soll... Aber eine Fortsetzung würde mich sehr freuen! :-)

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  2. Hmm, hört sich ja interessant an. Mal sehen, ob ich nächster Zeit noch einmal drauf stoße, dann nehme ich es mir mit :-)

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    1. Leider gibt es das Buch bisher nur als eBook! Aber Carlsen macht es oft so, dass erfolgreiche eBooks dann doch noch als "echte" Bücher verlegt werden, man kann also nur hoffen, dass "Vollkommen" sich gut verkauft.

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    2. Hmm, was für ein Dilemma... ich hoffe ja irgendwie, dass es sich gut verkauft und zum Printbook wird, weil ich es lesen will und gleichzeitig will ich selber eigentlich nix dafür tun, schließlich kann ich eBooks nicht mal richtig lesen... *grummel*
      Naja, was soll's...

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    3. Ich habe den Verdacht, dass sich dieses Modell immer mehr bei den Verlagen einbürgern wird: ein Buch erstmal als eBook vermarkten, wo man ja wenigstens keine Produktionskosten hat, und das Geld für eine Printauflage erst investieren, wenn das Interesse am eBook groß genug war.

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    4. Ich auch, aber das ändert ja nichts dran, dass es mir nicht gefällt... Ich darf mich nicht zu sehr da reinsteigern, sonst werde ich irgendwann alle damit nerven :D

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Danke für deinen Kommentar! :D