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Mittwoch, 3. September 2014

"Was tot ist" von Belinda Bauer



Meine Wertung 5 von 5 Sternen
Titel Was tot ist
Originaltitel Rubbernecker
Autor(in) Belinda Bauer
Übersetzer(in) Marie-Luise Bezzenberger
Verlag* Manhattan
Seitenzahl* 352
Erscheinungsdatum* 28. Juli 2014
Genre Thriller
* bezieht sich auf die abgebildete Ausgabe des Buches
Das Buch auf der Seite des Verlags
Das Buch bei

"Das Leben interessiert den autistischen Medizinstudenten Patrick nicht. Ihn fasziniert der Tod. Für einen Mörder wird er damit zur größten Gefahr… »Die Toten können nicht zu uns sprechen«, hatte Professor Madoc gesagt. Eine glatte Lüge. Denn der Leichnam, den Patrick Fort im Anatomie-Kurs vor sich auf dem Tisch liegen hat, versucht ihm eine ganze Menge mitzuteilen. Dabei ist das Leben für den autistischen Patrick schon rätselhaft genug – auch ohne einen möglichen Mordfall aufklären zu müssen. Ein Verbrechen, an das sonst niemand glaubt. Und während Patrick akribisch versucht, hinter das Geheimnis des Toten zu kommen, gerät er selbst ins Fadenkreuz und in ein Netz aus Lügen in seinem engsten Umfeld …"
(Klappentext)
Erstmal ein Hinweis: Vorsicht bei der Leseprobe auf Amazon!!! Da gibt es ja diese "Ich möchte überrascht werden"-Funktion, und darin sind leider einige Textstellen enthalten, die schon so gut wie alles verraten... 

Was dieses Buch für mich so großartig macht, ist Patrick, um den sich der Großteil der Geschichte dreht.

Er hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Er kann nicht nachempfinden, was andere Menschen fühlen - es fällt ihm sogar schwer zu unterscheiden, ob jemand wütend ist oder traurig oder gleichgültig. Er kann nicht abschätzen, wie seineWorte auf andere wirken. Er weiß nicht, woran er erkennen soll, ob ihn jemand mag oder nicht, oder warum ihn das überhaupt interessieren sollte. Er kann es nicht ertragen, wenn ihn jemand anfasst.

Der einzige Mensch, der ihm jemals wirklich etwas bedeutet hat, war sein Vater, und der ist tot. Warum? "Deinetwegen! Deinetwegen!", hat die Mutter damals geheult. Er war 7 Jahre alt, und jeder sprach darüber, wie traurig es sei, dass er seinen Vater verloren habe. Aber verlorene Dinge kann man wiederfinden, oder nicht? Sie sind ja nicht weg, nur... Woanders. Versteckt.

Und seitdem ist Patrick besessen vom Tod. Oder eher vom Übergang zwischen Leben und Tod. Er will wissen, wohin die Seele geht, wenn sie den Körper verlässt, und diese Suche nach Antworten bestimmt sein Leben. In den Anatomie-Kurs der Universität hat er es nur über die Behindertenquote geschafft, obwohl er intelligent und geschickt ist, aber er hofft, hier endlich die Antworten zu finden. Sie vielleicht in den Windungen des Gehirns zu entdecken, oder den blutigen Kammern des Herzens.

Das große Kunststück, das Belinda Bauer hier gelingt, ist, dass der Leser mit Patrick mitfühlen, mitleiden und mithoffen kann, auch wenn er selber diese Gefühle nicht versteht. Dass er ein komplexer, glaubwürdiger, liebenswerter Charakter ist, der nicht darauf reduziert wird, dass er das Asperger-Syndrom hat. Er ist ein Mensch, und auf seine Art ein Mensch mit Gefühlen und Hoffnungen.

Der Mordfall, den er zufällig an einer Kleinigkeit erkennt, verändert für ihn alles. Seine Suche ist auf einmal zweitrangig. Er hat ein Ziel, und für dieses Ziel springt er sogar über seinen Schatten und versucht, mit Menschen zu kommunizieren, sie zu verstehen und ihnen zu helfen. Und es ist großartig, dabei zuzusehen, wie er an diesem Ziel wächst - wobei die Autorin dennoch realistisch bleibt, was seine Möglichkeiten und sein Verhalten betrifft.

Etwa die Hälfte der Handlung wird aus Sicht eines anderen Charakters beschrieben: Sam Galen, der gerade aus dem Koma erwacht ist und hilflos lallend und so gut wie bewegungslos in der Komastation liegt - wo eine Frau an seinem Bett sitzt, die behauptet, seine Ehefrau zu sein, aber das kann nicht sein...? Auch Sam wurde mir schnell sympathisch und ich habe sehr mit ihm mitgelitten. Das Geschehen rund um Sam und die Geschichte von Patrick scheinen erstmal nichts miteinander zu tun zu haben, aber natürlich passen die Puzzleteilchen am Schluss doch zusammen.

Auch die anderen Charaktere sind gut geschrieben und überzeugend, von der verbitterten Mutter, die in ihrem Sohn meist nur eine Last sieht, über Patricks Mitstudenten, die widerwillig lernen müssen, mit ihm umzugehen, bis zu dem absolut großartigen kleinen Polizisten, der nie einen großen Fall hatte. Nur auf die selbstsüchtige Krankenschwester, die in den Komapatienten nur eklige Fleischklumpen sieht, die ihr unnötig Arbeit machen, hätte ich gut verzichten können...

Eine Liebesgeschichte sucht man in diesem Buch natürlich vergeblich, aber die vorsichtige Freundschaft zwischen Patrick und seiner Mitstudentin Meg fand ich rührender und bewegender, als es eine Liebesgeschichte hätte sein können.

Die Geschichte blieb für mich von der ersten bis zur letzten Seite spannend - nicht nur, weil ich wissen wollte, wer der Mörder ist und warum er gemordet hat, sondern weil ich sehen wollte, wohin diese Reise Patrick und Sam führt. Die Autorin schaffte es dabei immer wieder, mich mit unerwarteten Wendungen zu überraschen! Das Ende habe ich definitiv nicht kommen sehen - und vor allem nicht das Ende nach dem Ende, das alles über den Haufen wirft, was man zu wissen glaubte.

Auch der Schreibstil hat mich voll überzeugt! Er ist packend und spannend und schafft es ohne Melodrama, sowohl die schwierige mentale Welt von Patrick als auch die klaustrophobische Verzweiflung von Sam einzufangen.
Ein Thriller mit Tiefgang und einem ungewöhnlichen Helden, der auf der Suche nach dem Geheimnis des Todes ein Stück weit das Leben entdeckt. Ich fand das sehr spannend, unterhaltsam und bewegend!

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